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Naturwochen im Armentarola

Kaum anderswo geht einem die sagenhafte Dolomitenwelt so unter die Haut wie hier in Armentarola. Beobachten Sie die Gämse wie sie im lockeren Bestand der Latschenkiefer dösen oder folgen sie dem freien Flug eines Steinadlers.

Ein zur Hälfte mit Wasser gefülltes Glas stand auf meinem Frühstückstisch. Darin nur wenige unscheinbare Alpenblumen und neben dem Glas ein kleines Stück Papier. Mara hatte ihre eigene, ganz diskrete und bescheidene Art an unseren Streifzügen durch die Natur teilzunehmen. Also schrieb sie mit Bleistift auf den Zettel: „Crepis aurea, Gold-Pippau, verleit dem Käse und dem Butter einen zarten Orangengeschmack. Unsere morgendlichen Unterhaltungen waren wortkarg und bedienten sich lediglich eines Zettels und eines Bleistifts. Kurz darauf brach ich mit den anderen Gästen auf, hinauf in das Licht luftiger Scharten, durch malerische Zirbenwälder bis an den Fuß imposanter Dolomit-Felswände. Ob den Auerhähnen auf der Spur oder unter den sagenumwobenen Kiefern von Salares rastend, kaum ein Tag blieb ohne Entdeckung oder staunenswerte Begebenheiten. Die Natur geht im Herzstück der Dolomiten sehr großzügig mit Seltenheiten und Wundern um. Nicht selten mussten wir dem Schatten bedrohlicher Gewitterwolken weichen, meist aber waren wir noch vor dem Sturm wieder im Hotel und bis sich alles wieder verzogen hatte, strahlte eine warme Sonne wieder auf die Hausterrasse.
Mara stand da, mitten auf der Terrasse, einen Rock aus Kordsamt und ein Kopftuch tragend und wartete geduldig. Dann machten wir uns gemeinsam auf den Weg. Ein kurzer Spaziergang in Richtung Eisenöfen machte uns gesprächiger als in den Morgenstunden. Sie fragte was wir gesehen, welche Beobachtungen wir gemacht hätten und ob es die alte umgestürzte Zirbe am Col Locia noch gäbe. Ziellos durch die Wiesen schlendernd erzählten wir uns gegenseitig. Sie von einem mehr oder weniger erfüllten Leben, dessen Bogen sie von Trient, über Umwege nach Mailand verschlagen hatte, ich von den Farben der Bergblumen weit über der Waldgrenze und von einem Felssturz am Rosengarten. Wir haben uns immer gesiezt. In der Höflichkeitsform kann ungemein viel Vertrautheit und Nähe sein und für mich, der in diesen Bergen jeden Winkel kennt, öffneten Mara's Stimme und ihr schmales Lächeln unbekannte Welten aus der Vergangenheit und dem Vermächtnis der Dolomiten.

Erst kurz vor der Einkehr trat wieder Schweigen ein. Übertönt vom rauschenden Bach durchquerten wir den Hausgarten und verabschiedeten uns mit einem Handzeichen. Es dämmerte und alsbald funkelten die Lampen auf der Terrasse, wie auf dem Deck eines großen Kreuzfahrtschiffes. Alles stand ruhig und während sich der Speisesaal allmählich füllte, behielt das große Schiff seinen immerwährenden Kurs durch Wälder und Wiesenmeere, dem Falzarego empor.

Die Naturwochen im Armentarola lassen sich nur so beschreiben: ein Sprung in die Weiten der Dolomiten, eine Augenwäsche durch das Schöne, das Malerische und das Vollkommene einer Naturlandschaft, in der man sich selbst vergisst um sich selbst wieder zu finden. Abseits von der schweren Luft städtischer Hektik taucht man in alltägliche Abenteuer ein und entdeckt erneut wie wesentlich das Spüren ist. Mara ist nicht mehr. Das kindliche Lächeln dieser alten, weisen und tiefbewussten Dame jedoch, hat Spuren hinterlassen. Wir stehen immer noch auf Deck, wie jedes Jahr wieder, und tragen unsere Reise fort, und warten auf alle jene, die sich anschließen wollen, um auch für nur kurze Zeit neue Kräfte zu schöpfen und Dinge sehen, die man sonst nicht sieht. Ein Aufbruch in unbekannte Berglandschaften, mit Heiterkeit; Bewusstsein und neuer Lebensfreude.


Foto: Casanova

 
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