Testatina

Kunst, Geschichte und Tradition in einem Bierkrug

Es ist überliefert, dass das Bier von der sagenumwobenen Figur Gambrinus, dem König von Flandern, auch bekannt als “Hofbraumeister Karls des Großen”, erfunden wurde. In Wirklichkeit gehört das Bier zu den ältesten fermentierten Getränken. Funde aus prädynastischer (ca. 3.000 v. Chr.) belegen dass bereits die Sumerer Bier brauten. Es gibt sogar Theorien, die besagen, dass Bier schon vor 13.000 Jahren bekannt war, als die ersten Nomadenstämme sesshaft wurden und mit dem Getreideanbau begannen. Natürlich unterschied sich dieses Gebräu im Geschmack und im Aroma vom Bier, wie wir es heute kennen und welches in der ganzen Welt verbreitet ist und dessen Haupt-Exporteure die Länder Deutschland, Belgien und England sind.

Heute wird das Bier je nach Typ in verschiedene Gläser aufgeschenkt. Pils wird aus einem hohem schlanken dünnen leichten Glas getrunken (Tulpe oder Pilsblume genannt); das Altbier wird aus einem zylinderförmigen Altbierglas getrunken, das Bockbier aus wuchtigen Kelchen, Weissbier aus hohen ausgestellten Gläsern, Stout aus tulpenförmigen Stilgläsern, Porter aus kegelförmigen Pintgläsern und das Berliner Weisse aus einer unverwechselbaren halbkugelförmigen Schale mit langem Stiel.
Aber worin wurde dieses Getränk ursprünglich aufgeschenkt? Die salzglasierten Krüge aus Steinzeug mit zinnernen Deckel, deren Ursprung im Rheinland ist, schafften im 16. Jahrhundert den Übergang vom Küchenutensil zum Ausdruck von Kunsthandwerk. Kurios ist der Ursprung des Deckels: er geht auf die Pestepidemien im 14. Jahrhundert zurück, als 25 Millionen Menschen in Europa den Tod fanden. Auch danach wurde Mitteleuropa häufig von todbringenden Moskito-Schwärmen heimgesucht und deshalb wurde ab dem 16. Jahrhundert in vielen Fürstentümern des heutigen Deutschland per Erlass eingeführt, dass alle Essens-, und Getränkebehälter abgedeckt werden mussten, um die Untertanen vor diesen gefährlichen Insekten zu schützen. So entstand der Bierkrug mit Deckel, der auch nachdem die Pest in Europa ausgerottet wurde immer noch als liebevolles Detail an den Krug angebracht wurde.

In der Tat betrachten Sammler ein Objekt ohne Deckel als unvollständig. Die Hohen Produktionskosten von Steingut, zusammen mit denen des Deckels, der durch das oben erwähnte Gesetz verpflichtend war, gestatteten es diese Gegenstände aufwändig zu verzieren. Verschiedene Renaissance-Künstler fertigten Zeichnungen für die Relief-Darstellungen dar. Die ersten Dekorationen stellten Wappen und historische, allegorische und biblische Szenen dar. Das Biertrinken wurde so auch ein Augenschmaus und der persönliche Krug wurde zum Statusymbol, den man stolz vorzeigen konnte. Krüge aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind einfach zuzuordnen, da es für jede Region ein typische Form gab. Verallgemeinernd kann man sagen, dass die Krüge aus dem Süden breiter und wuchtiger waren, während die aus dem Norden hoch und schmal waren. Im Westen verwendete man graues Steinzeug mit blauen Zeichnungen, im Osten war das Steinzeug bräunlich.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts verlor das Profil zusehends an Bedeutung; zu dieser Zeit wurden fast ausschließlich Fayencen hergestellt. Das ist stark glasiertes Steinzeug mit deckender weißer Zinnglasur, sie ersetzten bald das teurere Porzellan.

Die Fayencen waren genau doppelt so hoch wie breit. Die Herkunft erkannte man nun nicht mehr an der Form sondern an unterschiedlichen Materialien und Dekorationen. Was das Material anbelangt, könnte man erwähnen, dass die Kunst der Glasverarbeitung von den Deutschen gegen Ende des 16. Jhdt. wieder entdeckt, aber erst im 18. Jahrhundert wurden Bierkrüge aus Glas hergestellt. Diese Gläser waren meist klar und durchsichtig und sie bedurften eines großen Arbeitsaufwands. Glas hatte damals nämlich üblicherweise einen Grünstich (Waldglas). Das lässt darauf schließen das wert darauf gelegt wurde, dass man einen Einblick auf das Bier hatte. Von dessen Klarheit ließ sich auf die Qualität des Biers schließen, je klarer desto teurer.

In Europa wurde Porzellan erst seit Anfang des 16. Jahrhunderts hergestellt, aber es war sehr aufwändig herzustellen und nur für Reiche erschwinglich. Eine Gattung für sich waren die Holzkrüge mit Fassungen und Dekorationen aus Zinn, die aber nach dem 19. Jahrhundert aus der Mode kamen. Vereinzelt wurden von Herrschern auch Bierkrüge aus Silber, Elfenbein und Bernstein in Auftrage gegeben. Die Trinkhörner aus der Römerzeit konnten nur schwer an das Deckel-Gesetz angepasst werden und wurden mit der Zeit immer rarer. Um 1800 erfreuten sich Zinnkrüge großer Beliebtheit. Es waren Gravuren oder aufgedruckte Dekorationen üblich, aber es wurden auch vereinzelt Zinnkruge mit Farbresten gefunden.

Die Erfindung des Gipsdrucks gegen Ende des 19. Jahhundert war eine Revolution in der Krugproduktion, sie erlebte eine “zweite Blüte”. Jetzt mussten die Krüge nicht mehr Stück für Stück von Hand geformt werden. Mit einer Form konnten dutzende von Stücke in derselben Qualität hergestellt werden. Die Serienproduktion war geboren und so konnten die Herstellungskosten gesenkt werden. Dem Geschmack der Stunde, dem Historizismus, folgend waren altertümliche, allegorische und Rennaissance-Motive hoch im Kurs. Meist wurden sie aus steinglasiertem grauem Steinzeug hergestellt. Sie wiesen oft Relief-Dekorationen auf und manchmal wurden Medaillen aus Porzellan oder Steinzeug in den Deckel eingelegt. Auch der Jugendstil machte seinen Einfluss in der Bierkrugproduktion bemerkbar. Es sind einige kunstvolle Exemplare aus dieser erhalten. Erwähnenswert sind die Figurenkrüge die oft die Form von Menschen, Gegenständen oder Gebäuden hatten und oft satirisch waren. Bei Universitätsstundenten war ein Krug in Form eines Totenkopfs, der auf einem Buch ruht sehr beliebt. Er hatte die Inschrift "Gaudeamus igitur" (lat. „Lasst uns also fröhlich sein!“), seit jeher Ausdruck der studentischen Lebensfreude. Weitere beliebte Formen waren der mililtärisch-patriotische Reservistenkurg und die Brauereikrüge, die auch die Art des Aufschenkens verändert haben. Dann erlebte die goldene Zeit des Bierkrugs sah also in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ihr jähes Ende.

Die Bierkrugproduktion wird bis in die Jetztzeit, vor allem als Nischenprodukt für Sammler fortgesetzt. Heutzutage werden zwar keine Neuigkeiten angeboten, aber es werden alte Modelle neu interpretiert. Leider hat die Globalisierung auch vor den Bierkrügen nicht halt gemacht und so musste ein traditionsreiches Unternehmen, wie die "Albert Jac. Thewalt GmbH" über hundert Jahre nach seiner Gründung 1893 im Jahre 2009 die Produktion aufgrund der nicht konkurrenzfähigen Produktionskosten den Betrieb einstellen.

Fotoausstellung: Antike Bierkrüge


Text: A. Dolzan
Foto: Giorgio Silvera, Brauhotel Martinerhof

Home
Italiano
Deutsch
E-mail
Impressum
Privacy
Casanova

Getreidemühle Waldner SINGLE

€ 329,00
€ 303,00

Schüttelbrot Näckler aus Vollkorngetreide

€ 3,95

Spaghettoni Benedetto Cavalieri

€ 3,50