Karthaus
Im Reich der Alchemisten

Das Dorf Karthaus kann auf eine alte und illustre Geschichte
zurückblicken. Er ist 1326 als Karthäuserkloster entstanden,
da kein anderer Ort das Bedürfnis nach Einsamkeit dieser
weißen Mönche so gut erfüllen konnte wie dieser.
Die Karthäuser liebten die Isolation so sehr, dass sie sogar
Zellen mit besonderen Vorrichtungen bauten, die zwar das Essen
aber nicht das Licht durchließen. Diese können besichtigt
werden. 1700 wurde das Kloster in einem Brand zerstört und
in der Folge haben die Karthäuser den Ort verlassen und
die Bevölkerung, die glücklicherweise dank ausgewogenen
Restaurierungsarbeiten die Struktur der klösterlichen Siedlung
erhalten hat, nahm ihren Platz ein. Die dunklen Klostergänge
mit den eigebauten Zellen entlangzugehen, oder von der Bastei
die Gipfel der Texlergruppe zu beobachten birgt besondere Emotionen.
Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein und man kann,
unterstützt von der schönen gotischen Kirche mit barockem
Inneren, das Gefühl einer wegbereitenden Religiosität,
die arm an Mitteln, aber reich an Spiritualität war, nachvollziehen.
Beim umherstreifen in den labyrinthischen Gängen des Klosters
kann man wirklich ungewöhnliche symbolische Details entdecken.
Wie z. B. das in Hochrelief gemeißelte Dreieck an der Unterseite
des steinernen Pfostens der Tür, die vom Kloster in einen
alten Friedhof führt. Das Dreieck steht für den Übergang
vom materiellen Zustand, die Basis, zu einem spirituellen, die
Spitze, an der man die Befreiung jeglicher Versuchung und Sünde
findet.
Noch beeindruckender als dieses Symbol, das typisch für
die Friedhöfe des Kathäuserordens ist, ist die große,
in Stein gehauene Schlange mit einem Ei.
Das Ei ist das Symbol schlechthin für die Entstehung der
Erde, wenn es aber im Zusammenhang mit einer Schlange dargestellt
wird, ist es Teil der alchemistischen Tradition.
In antiken Texten spricht man vom “Philosophischen Ei”,
das Zentrum des Universums, das in seiner Schale die vitalen
Elemente einschließt, so wie die hermetisch geschlossene
Vase das Gemisch der Oper beinhaltet. Die Vase musste, wie das
Ei ausgehöhlt werden, damit sich sein Inhalt in Gold, also
in Weisheit verwandeln konnte. Aber so wie das Ei mit der Erneuerung
des Seins gleich gestellt wird, so ist auch die Schlange Teil
der Trasmutation/Verwandlung der Dinge. Nicht zu Unrecht ist
es das Symbol der Alchemie, der Seelenwanderung und der Wiedergeburt
und das wird uns auch von der griechisch-lateinischen Tradition
ins Gedächtnis gerufen. Im griechischen Volksbrauch ist
es üblich über Gräber Milch zu schütten.
Das Trankopfer ist für die Toten bestimmt, die als Schlangen
wieder geboren werden. In der römischen Kultur war die Schlange
der “genius” ein Wächtergeist.
Wer aber hat die hermetischen Zeichen gemeißelt? Sicher
ist, dass sie nach der Erbauung des Klosters entstanden sind,
aber ihre wahre Bedeutung bleibt, trotz unserer Vermutungen verborgen.
Landkarte
Kompass 52
Route: bei der Landesstrasse beginnt, gleich nach dem Gasthof
Neutratteis (960 m) und vor der Schnalserbachbrücke, auf
der Rechten der Weg Nr. 26, welcher durch den dichten Wald nach
Karthaus
führt 1327 m).
Rückkehr: auf dem selben Weg, oder den
Weg Nr. 21 folgend bis zum Gasthof Schnals (1200 m) und von dort
mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück zum Ausgangspunkt.
Zeit: 2 Std. Eineinhalb Stunden im zweiten Fall.
Höhenunterschied: 367 m
Texte und Bilder:
Fiorenzo Degasperi |