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Die Viles - von Vila zu Vila



Landkarte Kompass 358

Das Tal öffnet sich unter uns, und unter uns taucht der Kirchturm von Plaiken auf, auf der gegenüberliegenden Seite kann man die Dörfer Welschellen und Welsch-Weitental erkennen. Der alte Bauer an meiner Seite weist auf die Umrisse der Dörfer und der Berge und spricht jeden Namen ganz langsam aus und fügt einen schnellen Satz in seiner Sprache dazu. Jetzt sieht er mich an und lacht als ihm mein fragender Blick auffällt da ich kein Wort Ladinisch verstehe. Er, seine Frau und die Kinder, die die Kühe auf die Weide treiben verstehen kein Italienisch, oder tun wenigstens so. Als wir querfeldein über den Zaun gesprungen sind hat sich niemand aufgeregt, sie haben uns nur neugierig angesehen und uns mit großzügigen Gesten und freundlichen Lächeln zu sich eingeladen. Das kleinste Kind zieht an meinen Hosen uns schaut seine Großmutter im weiten blauen Kleid und der Schürze mit Blumenmuster dem Strohhut verwundert an. Er scheint sich zu fragen was tut diese Frau mit Hosen hier? Mir kommt es so vor als ob ich in Heidis Dorf gelandet bin.
Die Häuser von Frontü, eine der schönsten Gadertaler viles, sind über uns in der Sonne aufgereiht. Einige Spuren der Zivilisation - ein schrottreifer Fünfhunderter steht vor einem Hof - tauchen auch hier auf, aber diese Ortschaften haben die Struktur der alten Siedlungen beibehalten die seit der Besiedlung durch die Retorömer die zwischen dem 5. und 8. Jhdt. stattgefunden hat existieren.
Als die Barbaren einfielen haben sich die Ladiner, die aus der Verschmelzung zwischen dem keltischen Volksstamm und den römischen Eroberern entstanden sind, vor den Repressalien der Wandalen, Franken, Bajuwaren und Slawen in die Nebentäler geflüchtet. Sie kannten die Jagdwege die von uralten Vorfahren entdeckt worden waren und die sie schon länger mit ihren Herden auf der Suche nach neuen Weideplätzen entlanggingen. Es ging jetzt aber darum in diesen Bergen sesshaft zu werden und so haben diese Gruppen einen Teil der steilen Hänge gerodet und haben dort Häuser, Heuschober, Brunnen, Tränken und Gemeinschaftsbacköfen errichtet und Äcker angelegt. Es war ohne Zweifel diese gemeinschaftliche Leistung die zusammen mit der Befriedigung mit der eigenen Sprache und Kultur die Invasoren überlebt zu haben die den Stolz und Zusammenhalt der ladinischen Gemeinde gestärkt und über Generationen hinweg erhalten hat.



Von den "Brüdern" im Grödner Tal, in Fodom und Ampezzo abgeschieden, haben die Gadertaler auch den Lehnsherren des Klosters Sonnenburg und des Bistums Brixen nach blutigen Kämpfen und und fehlgeschlagenen Unterwanderungen gezwungen die comaun mit ihren Regeln und ihrer kulturellen Identität anzuerkennen.
Die geographische, soziale und wirtschaftliche Isolation hat es ermöglicht ihre Kultur auch in der modernen Zeit zu erhalten. Die Institution des "Erbhofs", die 1900 von der Tiroler Versammlung anerkennt wurde, hatte zwar eine Verringerung der Bevölkerung zur folge, da die Zweitgeborenen gezwungen waren auszuwandern - hat aber gleichzeitig die strukturellen Charakteristika der viles erhalten indem sie den Betrieben ein Mindestauskommen gewährleisteten. So sind die viles mehr oder weniger unverändert geblieben, die Bauernhäuser scheinen unverändert (vor allem von Außen) und auch die Feldarbeit scheint Teil einer sozialen Archäologie zu sein. Auch das Land hat keine Veränderungen erlebt: die Kulturen sind begrenzt und die Lichtungen wechseln sich heute wie damals mit Waldungen ab und machen einem typischen Kulturland Platz in dem Mensch und Natur aber im Einklang leben. Das alles dank Mutter Natur die dieses Gebiet nur schwer zugänglich gemacht hat und den Ladinern die imstande waren ihre Tradition und Sprache lebendig zu halten - aber auch dank der provinziellen Verwaltung die rechtzeitig Studien- und Schutzprojekte erlassen hat. Aber natürlich kann man nicht behaupten, dass sich gar nichts verändert habe: man muss die Vilesbewohner aufmerksam beobachten und mit ihnen sprechen um sich eine objektive Meinung zu bilden. In den abgeschiedneren Ortschaften trifft man vor allem ältere Menschen - die Jungen arbeiten oder studieren im Tal und kommen sonntags oder im Sommer hoch um den Alten zu helfen. Heuwagen gibt es nicht mehr, sie wurden durch sympathische kleine Traktoren ersetzt die unglaublich steile Wege hinauffahren und in den Stuben findet man nicht selten einen Anrufbeantworter, der sehr nützlich ist, wenn alle auf dem Feld sind.
Wir haben Hunger bekommen und fragen wo wir die gelbe, selbst hergestellte Bauernbutter mit dem Druck, oder ein Stückchen Käse kaufen können und man antwortet uns, dass heute fast niemand mehr selbst seine Milch verarbeitet - sie wird in der Sennereigenossenschaft in Bruneck bei strikter Einhaltung der hygienischen Richtlinien weiterverarbeitet: auch das ist Fortschritt. Wir trösten uns mit der zauberhaften Architektur und Landschaft.

Nützliche Informationen und Adressen von Abtei, Corvara, und Wengen


Aus dem Buch "Itinerari e luoghi" n. 6 - August '92
Texte von Marzia Rosani, foto von Marco Majrani.

 
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