Das Tal öffnet sich unter uns, und unter uns taucht der Kirchturm
von Plaiken auf, auf der gegenüberliegenden Seite kann man die
Dörfer Welschellen und Welsch-Weitental erkennen. Der alte Bauer
an meiner Seite weist auf die Umrisse der Dörfer und der Berge
und spricht jeden Namen ganz langsam aus und fügt einen schnellen
Satz in seiner Sprache dazu. Jetzt sieht er mich an und lacht als
ihm mein fragender Blick auffällt da ich kein Wort Ladinisch
verstehe. Er, seine Frau und die Kinder, die die Kühe auf die
Weide treiben verstehen kein Italienisch, oder tun wenigstens so.
Als wir querfeldein über den Zaun gesprungen sind hat sich niemand
aufgeregt, sie haben uns nur neugierig angesehen und uns mit großzügigen
Gesten und freundlichen Lächeln zu sich eingeladen. Das kleinste
Kind zieht an meinen Hosen uns schaut seine Großmutter im weiten
blauen Kleid und der Schürze mit Blumenmuster dem Strohhut verwundert
an. Er scheint sich zu fragen was tut diese Frau mit Hosen hier?
Mir kommt es so vor als ob ich in Heidis Dorf gelandet bin.
Die Häuser von Frontü, eine der schönsten Gadertaler viles, sind über
uns in der Sonne aufgereiht. Einige Spuren der Zivilisation - ein schrottreifer
Fünfhunderter steht vor einem Hof - tauchen auch hier auf, aber diese Ortschaften
haben die Struktur der alten Siedlungen beibehalten die seit der Besiedlung durch
die Retorömer die zwischen dem 5. und 8. Jhdt. stattgefunden hat existieren.
Als die Barbaren einfielen haben sich die Ladiner, die aus der Verschmelzung
zwischen dem keltischen Volksstamm und den römischen Eroberern entstanden
sind, vor den Repressalien der Wandalen, Franken, Bajuwaren und Slawen in die
Nebentäler geflüchtet. Sie kannten die Jagdwege die von uralten Vorfahren
entdeckt worden waren und die sie schon länger mit ihren Herden auf der
Suche nach neuen Weideplätzen entlanggingen. Es ging jetzt aber darum in
diesen Bergen sesshaft zu werden und so haben diese Gruppen einen Teil der steilen
Hänge gerodet und haben dort Häuser, Heuschober, Brunnen, Tränken
und Gemeinschaftsbacköfen errichtet und Äcker angelegt. Es war ohne
Zweifel diese gemeinschaftliche Leistung die zusammen mit der Befriedigung mit
der eigenen Sprache und Kultur die Invasoren überlebt zu haben die den Stolz
und Zusammenhalt der ladinischen Gemeinde gestärkt und über Generationen
hinweg erhalten hat.
Von
den "Brüdern" im Grödner Tal, in Fodom und
Ampezzo abgeschieden, haben die Gadertaler auch den Lehnsherren
des Klosters Sonnenburg und des Bistums Brixen nach blutigen Kämpfen
und und fehlgeschlagenen Unterwanderungen gezwungen die comaun
mit ihren Regeln und ihrer kulturellen Identität anzuerkennen.
Die geographische, soziale und wirtschaftliche Isolation hat es ermöglicht
ihre Kultur auch in der modernen Zeit zu erhalten. Die Institution des "Erbhofs",
die 1900 von der Tiroler Versammlung anerkennt wurde, hatte zwar eine Verringerung
der Bevölkerung zur folge, da die Zweitgeborenen gezwungen waren auszuwandern
- hat aber gleichzeitig die strukturellen Charakteristika der viles erhalten
indem sie den Betrieben ein Mindestauskommen gewährleisteten. So sind die
viles mehr oder weniger unverändert geblieben, die Bauernhäuser scheinen
unverändert (vor allem von Außen) und auch die Feldarbeit scheint
Teil einer sozialen Archäologie zu sein. Auch das Land hat keine Veränderungen
erlebt: die Kulturen sind begrenzt und die Lichtungen wechseln sich heute wie
damals mit Waldungen ab und machen einem typischen Kulturland Platz in dem Mensch
und Natur aber im Einklang leben. Das alles dank Mutter Natur die dieses Gebiet
nur schwer zugänglich gemacht hat und den Ladinern die imstande waren ihre
Tradition und Sprache lebendig zu halten - aber auch dank der provinziellen Verwaltung
die rechtzeitig Studien- und Schutzprojekte erlassen hat. Aber natürlich
kann man nicht behaupten, dass sich gar nichts verändert habe: man muss
die Vilesbewohner aufmerksam beobachten und mit ihnen sprechen um sich eine objektive
Meinung zu bilden. In den abgeschiedneren Ortschaften trifft man vor allem ältere
Menschen - die Jungen arbeiten oder studieren im Tal und kommen sonntags oder
im Sommer hoch um den Alten zu helfen. Heuwagen gibt es nicht mehr, sie wurden
durch sympathische kleine Traktoren ersetzt die unglaublich steile Wege hinauffahren
und in den Stuben findet man nicht selten einen Anrufbeantworter, der sehr nützlich
ist, wenn alle auf dem Feld sind.
Wir haben Hunger bekommen und fragen wo wir die gelbe, selbst hergestellte Bauernbutter
mit dem Druck, oder ein Stückchen Käse kaufen können und man antwortet
uns, dass heute fast niemand mehr selbst seine Milch verarbeitet - sie wird in
der Sennereigenossenschaft in Bruneck bei strikter Einhaltung der hygienischen
Richtlinien weiterverarbeitet: auch das ist Fortschritt. Wir trösten uns
mit der zauberhaften Architektur und Landschaft.