Jahrhundertelang isoliert, hält das Sarntal hartnäckig an seinen
alten Traditionen fest und birgt in seinen herrlichen Bergen, wo sich
Waldhänge mit alten Bauernhöfen und leuchtend grünen Wiesen
abwechseln fantastische Geschichten über Zauberei.
In der Nachkriegszeit waren die Sarner seltsam unruhig. Augenscheinlich
war nichts besondres passiert, allenfalls hätten die Talbewohner
froh sein sollen: der Faschismus der sie alle in perfekte umändern
wollte war gestürzt und sie durften nun wieder ihren alten deutschen
Dialekt sprechen - und was für ein Dialekt! Durch die jahrhundertelange
Abgeschiedenheit - aufgrund einer beeindruckenden Schlucht, die das Sarntal
von Bozen trennt - haben die Sarner eine Mundart erhalten die reich an
archaischen Worten ist und in der hunderte von Ausdrücken vorkommen
auf die man in keinem anderen Südtiroler Dialekt wieder hören
wird. Die Deklination der Wörter ist noch schwieriger als im Deutschen:
dieses Dialekt hat schon die kühlsten Linguisten vor Wonne zergehen
lassen aber es ist auch für Deutschsprachige nur schwer verständlich.
Alles ist im Sarntal also beim alten geblieben: Wiesen und Wälder
zur Genüge; Äcker die von robusten Haflinger Pferden gezogenen
Pflügen aufgelockert werden; aus Holz gebaute Bauernhöfe in
deren Gärten Mohn wächst dessen Samen für schmackhafte
Süßspeisen verwendet werden; und dann: den ganzen Winter lang
schaufelweise Schnee, ein blühender Frühling, ein nach frischem
Heu riechender Winter und ein Herbst in technicolor mit einem makellos
klarem Himmel und Bäume die sich in tausend Farben färben.
Was für einen Grund hatten die Sarner also bekümmert und besorgt
zu sein?
" Uns machte die politische Situation in der Tschechoslowakei Sorgen" verrät
uns eine alte Frau: "seit der Zeit der österreichisch-ungarischen
Reichs, hatten die Sarner immer geschäftliche und freundschaftliche
Beziehungen mit Böhmen unterhalten; dann sind der Eiserne Vorhang
und der Kommunismus gekommen und die Beziehungen wurden abrupt abgebrochen
- und wir litten darunter." Wir äußern einige Zweifel über
die internationalistischen Leidenschaften der Talbewohner und endlich
kommt die Wahrheit ans Licht: "Wie hätten wir sonst an die
Halstücher für unsere Trachten kommen sollen? Wir hatten sie
immer in Böhmen gekauft, nur wurde die Fabrik von den Kommunisten
geschlossen. Wir wussten nicht weiter: in Italien oder Österreich
gab es niemanden der solche Halstücher herstellen konnte: es mussten
handbedruckte Seidentücher sein. Glücklicherweise hat sich
nach ein paar Jahren eine Schweizer Firma gefunden die die alten Modelle
originalgetreu nachmachen konnte. Endlich konnten wir, mit unseren neuen
Halstüchern, wieder erhobenen Hauptes zur Messe gehen.
Ja genau, zur Messe. Hier in Sarenthein muss man nicht bis zum "Kirchtag" -
der immer am ersten Sonntag im September stattfindet - warten um die
traditionelle Kleidung anziehen zu können: als Anlass reicht die
sonntägliche Messe oder ein beliebiger Feiertag. Und da stehen sie
schon vor der Himmelfahrtskirche die eleganten Sarner Frauen mit ihren
weiten schwarzen Röcken über denen sie Schürzen aus glänzendem
Brokat tragen, dann die flachen schwarzen Hütchen als Kopfbedeckung
und die famosen Seidentücher um den Hals: es ist ihnen bewusst wie
gut angezogen sie sind: sobald man den Fotoapparat zückt um sie
in ihrer Pracht zu fotografieren rufen sie ihre Freundinnen herbei um
dann lächelnd zu posieren. Aber die Männer stehen den Frauen
weder in der Herzlichkeit noch in der Schönheit ihrer Trachten:
außer den Hosen aus Lodenstoff und den fröhlichen mit Federn
und Blumen geschmückten Hüten tragen sie lederne Hosenträger
- die "Kraxn" - und kostbare geklöppelte Ledergürtel.
Ein so schönes Kleidungsstück zu besitzen ist nicht nur Eitelkeit
sondern eine ernstzunehmende Verantwortung, das beweist auch der Preis
dieser Gürtel die wahre Kunstwerke sind und von Vater zu Sohn weitergegeben
werden: ein neuer Gürtel kostet zwischen 1000 und 2000 Euro! Der
Grund für diesen Preis ist die aufwändige Arbeit die in den
kunstvollen Klöppelstickereien steckt und die hohe Qualität
der verwendeten Materialien: so werden dafür Pfauenfedern verwendet.
Warum sich im Sarntal diese Art von Lederarbeiten tradiert hat die man
sonst nur in der Türkei oder in Indien wieder findet bleibt ein
Geheimnis. Aber
das Sarntal birgt noch andere Geheimnisse: man erzählt, dass sich
einst Hexen, angeführt von der Hexenmeisterin Pachler Zottl auf
einem Hügel trafen um lärmend den Hexensabbat zu feiern. Frau
Pachler hat es wirklich gegeben: sie war eine arme Frau aus Sarenthein
die auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, da sie unter Folter gestand,
dass sie sich auf dem Schlern mit dem Teufel getroffen hatte, dass sie
auf dem Rücken eines Schweines bis zum Rhein geflogen war und dass
sie aus dem Nichts Mäuse zaubern konnte die die gesamte Ernte des
Tales vernichten konnten und andere Absurditäten. Wenn in der Überlieferung
diese Begebenheit an einem bestimmten Hügel - dem Schöneck
- stattgefunden hat muss es an dieser Stelle wirklich etwas ungewöhnliches
geben. Wir gehen also hin. Und wirklich, genau an der Stelle die in der
Sage beschrieben wird erheben sich Dutzende von beeindruckenden Steinhaufen
- die "Stoanernen Mander" - die Männer aus Stein. Diese
steinernen Säulen könnten vorzeitliche Dolmen sein, oder von
Wanderern oder Hirten errichtete Wegweiser, aber weiß nicht genau
von wem und aus welchem Grund sie dort aufgestellt wurden. Von einem
Panorama das sich weitet um Täler und Berge zu umarmen umringt stehen
die einsamen Männer aus Stein geben ein faszinierendes und surreales
Bild ab.