Wie man weiss, gehört der Sonntag Vormittag den Radfahrern. Der
Sonntag Vormittag ist heilig, der ernste Fahrradtourist hat an diesem
Tag keine Verpflichtungen, bis um 1 Uhr will er frei sein, um seiner
geliebten und tyrannischen Heiligkeit nachzugehen. Manchmal versucht
er sich seiner Hingebung auch etwas länger hinzugeben, vielleicht
bis um vier, fünf am Nachmittag. Aber häufig kommt – wie
es die Erfahrung zeigt und wie es manchmal auch in entsprechenden Berichten
steht –eine andere ebenso tyrannische Göttlichkeit, wenn auch
nicht immer so geliebt, hinzu. Die Rede ist von jener Göttlichkeit,
die in allen indogermanischen Sprachen „cum-sortis“ genannt
wird. Nach der glaubwürdigsten Interpretation von deutschen Philologen
bedeutet dies „sie, die dasselbe Schicksal hat“, sozusagen „gemeinsames
Schicksal“: gemeint ist die Frau des Radfahrers.
Ich werde mich
nicht länger bei dieser zweiten Göttlichkeit aufhalten. Wer
sich näher damit beschäftigen möchte, kann mit den ersten
Göttlichkeiten darüber diskutieren: Sie sind in der Lage, eine
Kasuistik aufzustellen, die nicht einmal die Jesuiten des 16. Jahrhunderts
präsentieren hätten können. Meistens tun sie es sogar
gerne, um die Thematik wissenschaftlich zu vertiefen oder aus Gründen,
die Psychologen „zufriedenstellend“ nennen würden, d.h.
um die Wahrheit eines alten Sprichwortes aufzuzeigen: Geteiltes Leid
ist halbes Leid. Es gibt jedoch auch außergewöhnliche Situationen:
das Leben verschont leider niemand vor Bitterkeit. So passieren auch
schlimme Missgeschicke, wie wenn man zum Beispiel den Wecker nicht hört.
Es passiert, es passiert. Vor allem, wenn man sich am Abend zuvor lange
in einer Bibliothek aufgehalten hat, wo man über einheimischen Büchern
saß, wie zum Beispiel jene, die sich Raboso, Fragolino, Ramandolo,
Prosecco, Recioto usw. nennen. Ebenso schlimm ist es, wenn man sich – natürlich
immer aus kulturellen Gründen – ausländischen Büchern
zu intensiv gewidmet hat wie jene, die sich Cabernet, Merlot, Tocai,
Sauvignon, Riesling usw. nennen.
Es ist eine alte Weisheit, dass zuviel
Kultur in den Kopf geht und man deshalb den Wecker nicht hört. Und
in diesem Fall? In diesem Fall versucht man den restlichen Vormittag
noch allein zu retten, da man den Anschluss bereits verloren hat. Leider
ist es unvermeidbar, dass eine solche Tour mit der Wut, die man hat,
zum Scheitern verurteilt ist. In solchen Situationen, muss ich ganz ehrlich
zugeben, werde ich oft zum Opfer der Faulheit. Statt eines raschen Frühstücks
zum Beispiel gebe ich mich einem entspannten Frühstück hin,
das mindestens die doppelte Portion Milch, Kaffee, Butter und Marmelade
vorsieht. Ich streiche und streiche das Brot, dann trinke ich und trinke
wieder, und dann streiche ich noch mal die Brombeermarmelade auf, die
ich übrigens selbst im vergangenen September gesammelt habe und
aus denen meine zweite Göttlichkeit eine deliziöse Delikatesse
zubereitet hat. Schließlich ist es wahr, dass auch die zweiten
Göttlichkeiten, wenn sie dementsprechend verehrt werden, ihre Lieben
zufrieden stellen können. Nachdem ich dann in den Garten gegangen
bin, um den Himmel zu betrachten, und festgestellt habe, dass noch zu
viel Feuchtigkeit in der Luft liegt, entscheide ich in der Zwischenzeit,
die Zeitung zu holen. Die Kiosks könnten am Nachmittag geschlossen
sein und womöglich überkommt mich plötzlich das Verlangen
die letzten Meldungen des Weltgeschehens, von Europa und unseres geliebten
Italiens zu erfahren. Schließlich verschiebe ich meinen Ausflug.
Wenn ich um neun starte ist zehn auch noch früh genug, von zwölf
bis eins kann man zwei Stunden voll Karacho fahren.
Dann siegt das schlechte
Gewissen und um halb elf sitze ich endlich im Sattel, aber fernab von
voll Karacho radeln, fahre ich mit zwanzig km/h mitten durch das Grüne
und beobachte die Wolken, die Bäume, die Kleeblätter und die
Innenhöfe der Häuser, die mit weißen Kiesel bedeckt sind.
Unterwegs kommt mir eine junge Mutter auf dem Rad entgegen, ihr Kleiner
sitzt gemütlich vorne, seine Hände auf der Lenkstange. Wenige
Meter vor mir beginnt er mich anzulächeln und winkt mir mit seiner
rechten Hand zu und ruft: Hallo, hallo, ganz ohne Vorankündigung,
sondern nur aus einem Moment des Glücklichseins, das ihn an diesem
Sonntag Vormittag überkommt, im Freien an der frischen Luft unter
dem Himmel und der Brust der Mutter. Von dieser Zärtlichkeit ganz
benommen, habe ich dennoch den Geist zu antworten. Die junge Mutter,
die durch diesen Gruß ebenso zur Freundlichkeit gezwungen ist,
weicht mir nicht aus, sondern fährt mit einem Lächeln an mir
vorbei. Mach weiter so, mach weiter so Radfahrer, heute hast du ein Ziel
erreicht.