Aus dem Tagebuch von Marzio Bruseghin (Giro d'Italia 2003)
Bozen
am Sonntag, 25. Mai 2003
Der Tag des Chronometers ist sonderbar und lang.
Denn für zwei Wochen hast du ein normales Leben geführt wie
in der Kolonie: Alle stehen zur selben Stunde auf, alle frühstücken
gemeinsam, alle machen dieselbe Fahrradtour, wo nur einer gewinnt und
alle anderen verlieren, auch wenn es nicht stimmt, denn es ist wahr,
dass der Großteil nicht gewinnt, aber auch nicht verliert. Und
plötzlich bist du allein, weil einer nach der Zeitverschiebung in
Tokyo lebt, der andere nach der in London und wieder ein anderer nach
der in Los Angeles. Du fährst mit dem Rad und die Rennfahrer sind
unschlüssig, es gibt jene, die kommen und gehen, die starten und
schon angekommen sind und jener der als Letzter ankommt, ist womöglich
der Sieger. Wecker, Fußmarsch, Dusche, Mittagessen, aufwärmen
und los geht’s.
Ferretti hat mir gesagt, meiner Seele nicht zu
schaden und nicht zu viel auszugeben. Um nicht in diese Situation zu
kommen, lasse ich also meine Brieftasche zu Hause. Aber wenn ich langsam
fahre, habe ich das Gefühl, dass die Zeit stehen bleibt. Also lege
ich einen Zahn zu, damit ich Spaß daran habe. Und ich hatte Spaß.
Unterwegs habe ich einige Bekannte gesehen, aber ich konnte nicht anhalten,
um mit ihnen zu plaudern und ich hoffe, dass sie deswegen nicht beleidigt
waren. Dann habe ich die Apfelbäume und die wie Krankenhausgänge
sauberen und sorgfältig gepflegten Felder beobachtet. Achtzehnter
mit 2’45’’: voller Würde. Und ich habe nicht einmal
einen Euro ausgegeben.
Das bedeutet, dass ich morgen eine Runde ausgeben
werde. Aitor Gonzalez hat, auch wenn ihm die Kette herausgesprungen ist,
eine tolle Zeit erzielt und gewonnen. Petacchi hingegen hat ein Loch
erwischt und ist hingefallen. Dies zeigt, dass, wenn es wirklich sein
musste, das Herausspringen der Radkette besser war als der Fall mit dem
Rad, auch wenn man sagt, dass der Kettenausfall von Sant’Antonio
Unglück bringt.