Herr Wunderer, durch die Verwirklichung des Prader
Energiekonzepts kann man Sie mit Recht als einen Südtiroler „Initiator der
jüngsten Sie Energierevolution“ bezeichnen. Prad am Stilfserjoch
ist eine der wenigen Gemeinden, die im Hinblick auf den Energiekonsum
autark sind. 1. Können Sie uns kurz erklären was Prad zum Erfolg
geführt hat und dieses Ziel erreicht werden konnte?
Aufgrund der abseitigen
Lage der Gemeinde Prad im Oberen Vinschgau und einer
sozioökonomischen Situation, die sich schon seit Jahrhunderten alles
andere
als rosig
und begehrenswert präsentierte, hat bei kaum jemand die Begierde
aufkommen
lassen,
mit Prad große Geschäfte zu machen. So hat die Bevölkerung
von Prad im Kampf
um
die Existenz und das tägliche Brot lernen müssen, sich in allen
Bereichen
mehr oder
weniger auf eigene Füße zu stellen. So war es auch mit der
Energieversorgung. Kein
auswärtiges Unternehmen hatte jemals großes Interesse gezeigt,
in Prad in
diesem
Bereich eine entsprechende Versorgung aufzubauen. Da haben nach dem 1.
Weltkrieg, als die Not im Dorf einen neuen Höhepunkt erreicht hatte,
schließlich ein
paar mutige Männer zur Selbsthilfe gegriffen und einen für
die damalige
Situation äußerst innovativen und weitblickenden Weg beschritten,
sich selbst den
Strom zu
erzeugen und ein kleines Wasserkraftwerk zu errichten, um damit dem Dorf
nicht nur
das Licht zu bringen, sondern ihm wohl auch eine neue erspektive zu
geben.
Mit
dem kleinen Wasserkraftwerk am Tschrinbach, das rund 80 kW leistete,
konnte
Prad
bis in die Mitte der fünfziger Jahre mit Strom versorgt werden.
Inzwischen
hatten
sich die Lebensverhältnisse in Prad etwas verbessert und auch eine
leichte
wirtschaftliche Entwicklung eingesetzt. Da der Fortschritt nun einmal
unzertrennlich
mit der Sicherstellung des entsprechenden Energiebedarfes verbunden ist,
wurde
zusehends deutlicher, daß mit dem kleinen Wasserkraftwerk der wachsende
Strombedarf nicht mehr zu decken war, weshalb man sich um neue Energiequellen
umsehen musste. Im Jahr 1962 kam es in Italien zu einer Revolution im
Energieversorgungssystem. Die italienische Politik war davon überzeugt,
dass
der
wachsende Energiebedarf nur mit einem zentralistischen staatlichen System
zu gewährleisten sei und übertrug so im Rahmen der Verstaatlichung
der
Stromversorgung die existierenden Anlagen und Versorgungsinfrastrukturen
dem
staatlichen Unternehmen, welches den Namen ENEL erhielt. Dabei wurde
dem ENEL
per Gesetz das ausschließliche Recht übertragen, in Italien
die
stromwirtschaftlichen
Tätigkeiten auszuüben. Auch in Prad war nun damit zu rechnen,
dass der
staatliche
Stromversorger auf den Plan treten und die Zügel in diesem Bereich
fest in
die Hand
nehmen würde. Es war wohl wiederum die wenig appetitliche Energieperspektive
von
Prad , die dem stattlichen Koloss nicht schmackhaft genug erschien. So
blieb
alles
wie gehabt und Prad war neuerdings gezwungen, sich selbst um die
Energieversorgung zu kümmern. Heute darf man vielleicht sagen Gott
sei Dank!
Hätte
das ENEL damals zugegriffen, so wäre in Prad, was die Energieversorgung
betrifft,
heute vieles anders. Man wäre, wie viele andere Dörfer und
Siedlungen in
Italien von
einer externen Versorgung abhängig, die sich zunehmend unsicherer
wird und
sich in
verschiedenerlei Hinsicht als sehr problematisch erweist. Heute verfügt
Prad über
kleinere Wasserkraftwerke, ist an Windkraftanlagen beteiligt, setzt örtlich
hergestelltes Biogas, Hackgut und Bioöle, womit der Energiebedarf
des Dorfes
bezüglich Strom und Wärme mehr oder weniger vollständig
gedeckt werden kann.
Vor allem haben die Prader im Laufe der Jahre gelernt und sich die
Kompetenzen
angeeignet, wie man eine Energieversorgung überhaupt eigenständig
aufbauen
kann,
wie man die lokalen Ressourcen aus nachhaltigen und emeuerbaren
Energiequellen erschließen und effizient für die Energieversorgung
einsetzen kann. Eine
Hauptursache, warum wir heute in einer Energiekrise stecken, ist meiner
Meinung
nach vor allem auf die Tatsache zurückzufahren, dass die Menschen
in den
Dörfern
und Städten sich bei der Energieversorgung zunehmend auf die Versorgung
von
auswärts verlassen haben. Damit haben sie zunächst einmal verlernt,
wie man
das
selbst machen kann und damit die Eigenständigkeit, die Mitsprache
bei der
Wahl des
Energiesystems und nicht zuletzt auch die Möglichkeiten einer lokalen
Wertschöpfung
im Energiebereich weitgehend verspielt. Zudem haben sie die Entwicklung
hin
zu dem
heute weit verbreiteten zentralistischen Energieversorgungssystem
begünstigt, in dem
eine Oligarchie von Großkonzemen die Energieversorgung ohne direkte
Mitsprache
der konsumierenden Menschen bestimmt.
2. Wie viel Energie wird in (Südtirol)
Prad erzeugt und wie viel wird lokal verbraucht (wie viel wird importiert
bzw. exportiert)?
Der Strombedarf
von Prad beträgt heute rund 11.000.000 kWh. und
der
Wärmebedarf,
der über das Fernwärmenetz den Gebäuden zugeführt
wird, rund 10.500.000 kWh.
Der Strom wird in Prad mit 4 kleinen Wasserkraftwerken, mit 4 KVK-Anlagen,
welche Biogas und Bioöle als Brennstoff einsetzen, sowie mit 2
Windkraftanlagen
hergestellt. Die Stromproduktion liegt bei 20.000.000 kWh im Jahr. Die
Wärine
liefern 2 Hackgutöfen, 4 KWK- Module sowie 2 Wärmepumpen, welche
die
Strahlungswänne der KWK- Anlagen nutzen. Sowohl die angeführten
Kraftwerke
als
auch die Strom- und Wärmenetze, mit denen die Energien den Abnehmem
von Prad übertragen werden, befinden sich in der Hand einer lokalen
Genossenschaft,
an der
praktisch die Abnehmerschaft des Dorfes mit über 90% beteiligt ist
und damit
auch
direkt die lokale Energieversorgung des Ortes mitbestimmt. Dass die
eigenständige
Energieversorgung von den Pradern auch besonders gelebt wird und auch
eine
nachhaltige Identifikation mit ihrem Energieversorgungsunternehmen besteht,
beweist
die Tatsache, dass die Vollversammlung der Energie - Genossenschaft einen
besonderen Stellenwert im Ablauf der gesellschaftlichen Ereignissen im
Dorf
einnimmt.
Siehe: www.e-werk-prad.it
3. Nur wenn Energie knapp wird, werden wir
uns bewusst wie sehr wir von ihr abhängen. Man hat das Gefühl als wäre sie einfach
jederzeit verfügbar und bei jedem Schalterdruck parat. Wie erfolgt
eigentlich die Energiegewinnung in Südtirol? Es ist auch mein
Eindruck, dass die Energieversorgung für die meisten
Menschen erst
zu einem Thema wird, wenn die Energiepreise derart steigen, dass der
Geldbeutel arg
darunter leidet, und vor allem erst dann als Problem gespürt wird,
wenn das
Licht
ausgeht und die Energien plötzlich nicht mehr in ausreichender Menge
zur
Verfügung
stehen. Es haben sich in den letzten Jahren sicherlich nicht wenige Menschen
insbesondere zum Thema über Gefahren für die Gesundheit und
das Klima, welche
von den Abgasen insbesondere bei der Verbrennung fossiler Energiequellen
ausgehen, zu Wort gemeldet und besorgt gezeigt.. Dass Thema der Verfügbarkeit der
Energieressourcen, der Versorgungssicherheit und wie eine umweltfreundliche
Energieversorgung in Zukunft gewährleistet werden kann, wurde von
einem
Großteil
der Bevölkerung gar nicht so ernst genommen bzw. wohl bevrusst oder
unbewusst
verdrängt.. Vor allem muss man, wenn man gewisse Kommentare hier
in unserem
Lande bezüglich der Notwendigkeit des Aufbaues einer möglichst
eigenständigen
Energieversorgung hört, man den Eindruck gewinnen, dass diesbezüglich
für
viele
noch immer nicht die Notwendigkeit eines mehr oder weniger akuten Handlungsbedarfes
bestünde. Man scheint wohl der Meinung zu sein, als gäbe
es in
unserem Land hinsichtlich Energieversorgung keine größeren Probleme
und
Südtirol
hätte eh schon die erforderlichen Hausaufgaben gemacht. Ich möchte
auch nicht
bestreiten, dass einiges geschehen ist, aber dass wir uns im Lande bei
der
Energieversorgung zurücklehnen können, möchte ich vehement
bestreiten. Wer
sich
nämlich die Mühe macht, die Energiesituation des Landes etwas
genauer unter
die
Lupe zunehmen, der muss feststellen, dass die Lage gar nicht so rosig
sind.
4. Seit die Erdölpreise stetig und
rapide steigen, wird immer mehr über
erneuerbare Energiequellen diskutiert. Wie weit ist Südtirol mit
diesen innovativen Energienutzungsformen?
Ich werde die Frage mit einigen
Zahlen beantworten. Wie man aus den Grafiken zu den internen Ressourcen
Südtirols lesen kann, beträgt
der jährliche Eigenbedarf Südtirols knapp 8.700 GWh. Der importierte
Strom liegt knapp über 1.200 GWh, während die in Form von Naturgas
importierte Energie fast 2.000 GWh, in Form von Erdöl und dessen
Nebenprodukten fast 3.520 GWh ausmachen. Die insgesamt importierte Energie
beträgt somit 6.551 GWh, der eine Eigenproduktion von 2.151 GWh
gegenüberstehen. Das bedeutet, dass wir nur rund 25% unseres Bedarfs
intern abdecken.
Wenn wir uns auf die elektrische Energie beschränken, dann sehen wir das
ENEL (51,2 %) und Edison (24,2 %) insgesamt 75,4 % der in Südtirol erzeugten
Energie besitzen, während lokale Körperschaften nur 24,6 % besitzen,
wovon die 10,1 % auf die Etschwerke , 5,4 % auf die SEL-AG, 1,1 % auf Vinschger
Gemeinden und 8,1 % auf kleine Privaterzeuger fallen.
Bezogen auf unseren Eigenbedarf
kann man sagen, dass die lokalen Betriebe nur etwa 52% der insgesamt in Südtirol
verbrauchten Energie produzieren.
Sicher ist in Südtirol in den letzten Jahren ein rasanter Anstieg
des gesamten Energieverbrauchs zu verzeichnen und zwar genau um 27 %
in den letzten zehn Jahren. Die größten Verbrauchssteigerungen
betreffen Naturgas, dessen Verbrauch in der selben Zeitspanne um 60 %
gestiegen ist, gefolgt von elektrischem Strom dessen Konsum um 44% zugenommen
hat.
Die dringlichsten Maßnahmen sind in Südtirol:
a) mit Energie effizienter und sparsamer umgehen
b) den Unabhängigkeitsgrad Südtirols im Bereich der Energieverwaltung
sowohl durch wirtschaftliche als auch politische Maßnahmen steigern,
z.B. durch die Übernahme der in Südtirol bestehenden Wasserkraftwerke.
Zwar ist das Entwicklungspotential der Wasserkraft gering, aber einiges
kann in Südtirol noch ausgebaut werden, selbstverständlich
unter Berücksichtigung der gesetzlich vorgeschriebenen Restwassermengen.
c) Förderung und Intensivierung der aus Biomasse erzeugten Energie,
beispielsweise aus der Holzwirtschaft, dessen jährlichen Zuwachsraten
effizienter genutzt werden sollten, genauso wie auch die Einbringung
von Sägewerkverarbeitungsrückständen verbessert werden
sollte. Außerdem müssten neue Biomassequellen erschlossen
werden, wie z.B. der Anbau geeigneter Pflanzenarten oder die Einbringung
biologischer flüssiger Brennstoffe.
5. Mit welchen Hindernissen muss man, oder
musste man rechnen, wenn man den Hauptteil der Energieversorgung aus
regenerativen Quellen beziehen will? Südtirol verfügt sicherlich über viel Wasserkraft,
die schon relativ stark erschlossen ist. Da und dort könnte aber auch
das eine oder andere Gewässer bei Sicherstellung eines vitalen Restwassers
erschlossen werden. Auch wäre es bei einigen älteren Wasserkraftwerken
in Südtirol möglich, die Produktivität zu verbessern. Noch
einiges kann vor allem im Bereich der Biomasse geschehen. Südtirol
ist ohne Zweifel reich an Biomasse, die vorhandenen Potentiale werden zur
Zeit nur unzureichend genutzt, auch werden verschiedene Möglichkeiten
in der Landwirtschaft für den Anbau und die Bereitstellung von energetisch
verwertbarer Biomasse kaum noch ausgeschöpft. Der Südtiroler
Wald spielt als möglicher Lieferant von Energieholz nur einen bescheidene
Rolle. Hier sollte auf der Basis eines entsprechenden normativen Förderungskonzeptes
eine bessere Nutzung erreicht werden. Auch sind Konzepte zu entwickeln,
um künftig energetisch nutzbare Biomasse in der Landwirtschaft bereitzustellen.
6. Wie beurteilen Sie die Energiepolitik
der Landesverwaltung und besonders die Bestrebung einer landeseigenen
Verwaltung aller in Südtirol bestehenden großen Wasserkraftwerke?
Würden die Bürger davon profitieren oder könnte dies
die Entscheidungsfreiheit der Käufer beeinträchtigen?
Wie aus den obigen Daten hervorgeht, hat Südtirol nur einen
bescheidenen Anteil an
der in Südtirol erschlossenen Wasserkraft. Sie befindet sich zum
größten
Teil in den
Händen auswärtiger Unternehmen. Daher ist es mehr als gerechtfertigt,
wenn
das Land
Südtirol bzw. die politische Verantwortlichen alles unternehmen,
um diese
Wasserkraft in die direkte Verfügbarkeit des Landes zu bringen.
Allerdings
wäre es
wünschenswert und sinnvoll, wenn die Kraftwerke zumindest zu einem
bedeutenden
Teil auch den lokalen Versorgungsunternehmen übertragen würde,
damit diese
mit
dem lokal erzeugten Strom dann auch den Bedarf der lokalen Bevölkerung
und
Wirtschaft bei kostengünstigen Preisen decken können.