Testatina

Interview mit Reinhold Messner

Guten Tag Herr Messner, wir möchten Ihnen gerne einige Fragen zum Thema Energie stellen. Sie haben so oft zu Angelegenheiten unseres Landes Stellung genommen und haben sich zu einem so dringenden Aspekt unserer Gegenwart etwas zu sagen haben

1. Wie betrachten Sie aus der Sicht eines ehemaligen Europaparlamentariers die Energiepolitik Südtirols?
Südtirol ist sicher in der Diskussion um die Lösung der Energieproblematik weiter fortgeschritten als viele größere politischen Konglomerationen, sprich die Staaten der EU. Generell gilt nämlich, desto größer das Konglomerat, desto langsamer reagiert die Politik weil es in der Demokratie natürlich auch eine Grenze hat. Die Autonome Provinz Bozen-Südtirol, hat noch keine eindeutige Lösung gefunden also besteht noch kein klares Konzept. Aber wir besitzen die Voraussetzungen für die Lösung, weil wir so gut wie nur über erneuerbare Energiequellen verfügen. Wir haben weder Öl noch Kohle und trotzdem hat Südtirol ein großes Potential im Energieexport. Wir werden in den nächsten 20 Jahren, neben dem Tourismus, vom Energieexport leben müssen oder untergehen.
Ich bin der Meinung das die Energiepolitik, die bei uns angepackt worden ist, ein gutes Zeichen ist. Es ist gut, dass man sich so intensiv damit auseinandersetzt und mich freut es dass das Land den Mut hat zu sagen “wir müssen das selber in die Hand nehmen”. Das ist sehr wichtig. Dieses Thema ist nicht nur eine Angelegenheit der nächsten Legislaturperiode, sondern eine der Schlüsselfragen der Zukunft. Wir werden zukünftig weltweit immer mehr Energiekriege erleben. Was gerade im Iran passiert ist, ist ein Vorgeschmack davon. Es hat zwar noch keinen Krieg gegeben aber wir sind ziemlich nahe dran gewesen. Die Iraner bauen die Atombombe weil sie genau wissen, dass sie mit der Energie so viel Macht haben, dass sie sie baue dürfen. Dann käme die Auseinandersetzung mit Israel und später mit Europa, weil diese Waffen auch uns erreichen könnten.
Noch brenzliger würde es sein, wenn die Chinesen über Jahrzehnte das gesamte Öl und Gas im Voraus zu blockieren würden. Sie können es nämlich bezahlen, während die Amerikaner es nicht mehr bezahlen können. Wenn sie weiterhin so erfolgreich bleiben, dann können sie das durchaus tun und uns einfach sagen „mal sehen wo dann eure Industrie bleibt“. Wenn wir nicht fähig sind alternative Energiequellen zu finden und zu entwickeln, dann bleiben wir hinten dran.

2. Welchen dieser Energiequellen muten sie die größten Zukunftschancen zu?
Solarenergie, Wasserkraft, Windenergie… es ist alles machbar, nur sollten wir bei letzterer unbedingt von den Fehlern der Deutschen lernen. Die haben sich beispielsweise das Allgäu mit ihren Windrädern ruiniert. Ich würde die Windkraftwerke bei uns in der Talsohle errichten, da gibt es Fallwinde, Thermiken und Beschleunigungen in den Talengen. Daher meine ich, dass der Leitner bei uns vernünftig gebaut hat. Man müsste man logischerweise bedenken, dass man den Wind nicht immer zum selben Zeitpunkt hat in dem man den Strom braucht. Deswegen sollten diese Windräder stets mit kleinen Staubecken verbunden sein, und zwar relativ kleine Becken, die man in wenigen Tagen füllen kann wenn die Windenergie im Überschuss zum Stromverbrauch liegt. Entsprechend erfolgreiche Technik hat man z.T. noch nicht erfunden. Es mag stimmen dass man keine weiteren Staubecken haben will, aber wenn wir uns wirklich vom Erdöl oder anderen nicht erneuerbaren Energiequellen unabhängig machen wollen, wie z.B. die Atomenergie, dann müssen wir alles auf Alternativen setzen. Große Unternehmen wie Leitner verfügen sicher über die Forschungsmöglichkeiten nach neuen Lösungen, vorausgesetzt sie dürfen. Südtirol verfügt ganz bestimmt über das notwendige Potential alternativer Energiequellen.

3. Viele Südtiroler Energieexperten heißen einen Übergang der im Lande bestehenden Wasserkraftwerke in die Hände lokaler Körperschaften oder der Landesverwaltung willkommen. Wie lautet Ihre Meinung zu dieser Möglichkeit?
In diesem Zusammenhang wäre es sicher ein großer Erfolg, wenn das Land die Elektrizitätswerke in Südtirol übernimmt, aber nur unter der Bedingung, dass diese auch privatisiert werden. Das Land darf sie nicht alleine führen und betreiben. Das ganze gehört im Grunde genommen viel mehr in die Hand der Unternehmer als in jene der öffentlichen Verwaltung. Nur am Begin ist niemand bereit zu investieren weil man das Risiko nicht eingehen will, darum muss das Land dafür aufkommen aber später muss es „Volksaktien“ geben, also ein Weg um die Kraftwerke den Bürgern zu übergeben. Wir haben aber auch die Möglichkeit mit erneuerbaren Energiequellen wie Holz zu arbeiten, wir können eigenes Benzin aus Raps herzustellen, wie in Deutschland z.T. bereits der Fall ist. Wir haben v.a. die Möglichkeit die Wasserkraft sowohl im kleinen als im großen Rahmen besser zu nützen und wir können die Windkraft vernünftiger nützen als anderswo. Beispielsweise wir haben Tallagen in denen konstante und regelmäßige Fallwinde und Thermiken gegeben sind. Auf jeden Fall warne ich davor die Berge zu „verwindradeln“, d.h. wir dürfen nicht unsere Landschaft dafür hergeben. Das Windkraftwerk am Reschenpass ist ein positives Beispiel, es fügt sich gut in die Landschaft, eine Ergänzung, fast wie ein Kunstwerk. Wenn der Wind weht könnten wir mit dem daraus gewonnenen Strom das Wasser in die Stauseen pumpen, um daraus wieder Strom zu gewinnen und diesen gut in Europa verkaufen.

4. Als Bergsteiger und Expeditionsleiter haben Sie sicher oft in entlegenen und unzugänglichen Gebieten mit Energie wirtschaften müssen. Erzählen Sie uns was davon.
Die Kunst meines Unterwegseins ist mit einem Minimum an Energie auszukommen. Ich bin ein Fußgänger, dabei zirkuliert das Blut und man muss natürlich was essen, in der Antarktis beispielsweise haben wir im Schnitt 6000 kcal pro Tag und Kopf verbraucht, das ist sehr viel (im Schnitt braucht ein Erwachsener zwischen 1.300 und 2000 kcal pro Tag). Wir haben unseren Verbrauch an mitgeführter Energie am Nordpol heruntergeschraubt auf 1/8 Liter Benzin pro Tag und Kopf, um zu überleben um möglichst wenig Gewicht mitzuschleppen. In der Gobiwüste habe ich überhaupt keine Energie mitgetragen. Wir haben nur gelegentlich von den Nomaden Wurzeln oder Yakmist abgenommen bzw. gekauft, welches sie zum Erwärmen ihrer Speisen verwenden. Ziel wäre es den Energieverbrauch fast auf Null zu reduzieren, aber das kann ich daheim natürlich auch nicht, ich habe ein Auto, das leider auch noch viel verbraucht, ich habe Strom, ich habe einige kleinen Unternehmen die alle Energie verbrauchen. Ich bin also auf Energie angewiesen und die große Herausforderung für die Menschheit wird in den nächsten Jahrzehnte bestimmt nicht so sehr die Nahrung auf dieser Erde, sondern die Energieversorgung und wahrscheinlich die Wasserversorgung sein. Hier sind wir Südtiroler wieder privilegiert, weil wir dank der Berge Wasser haben. Auch falls die Gletscher alle schmelzen sollten, werden wir mit Wasser zwar sparsamer umgehen müssen aber die Versorgung dürfte dennoch ausreichen und wir haben Energie und zwar alles nur erneuerbare Energie. Es gibt keine sauberere Energie als die des Wassers das den Berg hinunterfließt und die der Sonne. Wasserkraft ist sogar sauberer als Sonnenenergie. Mit Sonnenkollektoren kann man natürlich auch arbeiten aber ausschlaggebender ist die passive Sonnennutzung durch entsprechende Architektur und Landschaftsplanung in unseren Tälern. Wir müssen unsere Häuser zunehmend auf sonnenausgerichteten Hängen bauen. Das ist klarerweise eine Aufgabe für das Jahrhundert und früher oder später müssen wir damit anfangen. Wir müssen beispielsweise die Dörfer des Etschtales auf die Hänge verlagern. Es geht ja im Grunde genommen lediglich um Neuverlegung von Wasser- und Stromleitungen und entsprechender Baugenehmigungen, d.h. man sollte in Zukunft nur in sonnenexponierten Hanglagen bauen dürfen. Natürlich würden sich viele mal wieder über solche Aussagen aufregen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man mir in hundert Jahren Recht geben wird.

5. Jedes Wesen ist auf der steten Suche nach Energie, um in dieser Welt zurechtzukommen. Wer gut durchtrainiert ist kann leichter mit dieser inneren Energie umgehen und darüber verfügen. Welcher Zusammenhang besteht aus Ihrer Sicht zwischen physischer, körperlicher Energie einerseits und geistig, spiritueller Energie anderseits?
Ich würde zwischen geistiger und physikalischer Energie unterscheiden. Geistige Energie ist zweifelsohne vorhanden und die Visionen und Wirkungen der großen Religionsstifter sind ein Beweis dafür. In Südtirol haben wir bestimmt ausreichend geistige Energie, aber ein Wettbewerb der Ideen findet bei uns trotzdem nicht statt, weil Menschen mit Zivilcourage bei uns noch abgegrenzt werden. Das ist sicher der Tod der geistigen Energie.

6. Meinen Sie dass das auf das provinzielle Umfeld zurückzuführen ist?
Das provinzielle Umfeld ist heute eigentlich ein Vorteil weil wir dadurch ein starkes provinzielles Selbstbewusstsein haben und uns besser in einer globalisierten Marktwirtschaft positionieren können, aber das gilt nur wenn wir auch die Kreativität ausbrechen lassen. Wenn diese unterdrückt wird, sei es von der Monopol-Presse, sei es von einer Einheitspartei, dann wird es zum Hindernis. Eine Einheitspartei ist immer ein Hindernis für die Demokratie, weil der Wettbewerb der Ideen nicht mehr stattfindet. Diesbezüglich liegen wir nicht gerade in einer günstigen Lage für die geistige Energie im Lande…

Herr Messner, wir bedanken uns für dieses Gespräch...


März 2006

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