Herr Glauber, 1.
Sie zählen zu den ersten Verfächtern des Umweltschutzes
in Südtirol und haben sich als Gründer und Präsident des Ökoinstituts
Südtirol schon seit geraumer Zeit mit dem Thema Energie beschäftigt.
Können Sie uns einige wichtigen Energie-Projekte nennen:
In den frühen 90ger Jahren haben wir angefangen, Energy Management
Projekte, oder sogenannte Klimaberichte, für Südtiroler Gemeinden
zu erstellen. Dabei haben wir sowohl mit großen als auch kleinen
Gemeinden gearbeitet, wie z.B. Bozen, Meran, aber auch Bruneck, Toblach,
Innichen und auch Gemeinden außerhalb Südtirols. Es ging darum,
den Energieverbrauch der kommunalen Einrichtungen, sprich Gebäude,
zu ermitteln, und zwar nicht nur den absoluten, sondern auch den spezifischen
Verbrauch, also di kWh pro Quadratmeter und Jahr für Heizung und Beleuchtung.
Dadurch erhält man für die einzelnen Gebäude, wie Büros,
Altersheime, Schulen, Wohnungen im Besitz der Gemeinde eine Art „Fotografie“,
ein Ist-Zustand der über die Energieeffizienz des Gebäudes Auskunft
gibt. In einem zweiten Schritt kann man anschließend leichter ermitteln
woran die unterschiedliche Energieffizienz der Gebäude liegt: liegt
es an der Hülle - also Mauern, Fenstern, Dach -, oder liegt es an
der Heizungsanlage, oder liegt es schliesslich daran, wie ein Gebäude
genützt wird.
Wir haben beispielsweise Schulen aufgefunden, in denen der Heizwasserkreislauf
der Wohnung des Schuldieners nicht vom Schulhauptgebäude getrennt war, was
natürlich zu großen Verschwendungen führte. Dadurch konnte man
der Gemeinde auch sehr einfache Lösungen anbieten. Im Allgemeinen werden
den Gemeinden aber auch Prioritäten vorgezeigt. Das ist sehr wichtig weil
eine Gemeinde sehr oft Sanierungen durchführen muss und da ist es wichtig
zu wissen wo man was macht und in welcher Reihenfolge.
In den letzten Jahren haben wir uns natürlich auch sehr mit dem Thema Klimahaus
beschäftigt. Wir haben eine Evaluierung der Klimahäuser aus der Sicht
der Bewohner durchgeführt, hinsichtlich des Zufriedenheitgrades also,Wir
haben auch geprüft, inwieweit der real gemessene Energieverbrauch mit den
theoretisch kalkulierten übereinstimmen. Das ist für die zukünftige
Entwicklung des Klimahaus-Projektes sehr nützlich. Herausgekommen ist das
die Bewohner in der Regel sehr zufrieden mit ihrem klimaHaus sind und zum Beispiel
auf eine kontrollierten Lüftung- sofern vorhanden - nicht mehr verzichten
würden.
Eine weitere Untersuchung hat sich mit den wichtigsten energetischen
Zertifizierungsmodellen in Europa befasst. Angefangen bei Deutschland, über Dänemark,
Portugal, Österreich bis hin zu anderen Ländern haben wir verschiedene
Zertifizierungsmethoden überprüft, um Inputs für die Klimahaus-Zertifizierung
in Südtirol zu bekommen. Die EU schreibt seit 2006 eine Zertifizierung
für bestehende Gebäude vor, und die muss bei Verkauf, Miete oder
Umbau vorgezeigt werden. Es handelt sich um einen Energiepass, der etwas
komplexer und informationshaltiger ist als die bei uns geltende KlimaHaus-Zertifizierung.
Das bedeutet, dass auch unsere Zertifizierung in Zukunft erweitert werden
muss. Das ist eines der Themen mit dem wir uns zur Zeit im Ökoinstitut
beschäftigen.
2.Wie beurteilen Sie die Energiepolitik
der Südtiroler
Landesverwaltung?
Die Energiepolitik Südtirols ist in meinen Augen
immer noch zu stark angebotsorientiert, das heißt darauf bedacht,
wie man ausreichend Energie zur Verfügung stellen kann, .meinetwegen
auch mit umweltfreundliche Energieträgern wie Biomasse und Solar,
wo Südtirol sehr weit
vorne liegt. Was bis vor kurzer Zeit weniger berücksichtigt wurde,
ist die Nachfrageseite, also die Art und Weise wie man den Verbrauch
senken kann. In diesem Zusammenhang stellt das Projekt KlimaHaus sicher
eine Wende dar, die zeigt, wie man auch das Thema Energieeffizienz mit
sehr großem Erfolg in die Energiepolitik einbringen kann. Im Allgemeinen
liegt jedoch, wie gesagt, der Schwerpunkt immer noch sehr im Bereich
Energieangebot.
Der lokale Energieplan stützt sich hauptsächlich auf zwei Studien,
die auf die 90ger Jahre zurückgehen und in der Zwischenzeit zu aktualisieren
wären, auch weil sie, soweit ich weiß, die Entwicklungen im
Bereich Biomasse und solar Energie nicht berücksichtigen
3.Welche Energieformen
werden in Südtirol erzeugt? Welche Aussichten
sehen Sie für die Zukunft?
Erzeugt wird hauptsächlich Solarenergie in den verschiedensten Formen,
also dazu zähle ich auch Wasserkraft, die bei uns ja eine Tradition
hat. Südtirol erzeugt aus Wasserkraft mehr Energie als innerhalb
seiner Grenzen verbraucht wird, das ist sicher eine sehr positive Entwicklung.
Es werden weitere Kraftwerke geplant und gebaut, wobei man berücksichtigen
müsste, dass man nicht jeden Wasserlauf trocken legen kann. Außerdem
könnte die Wasserkraft in den nächsten Jahrzehnten unter dem
Klimawandel leiden. Wenn die Gletscher weiterhin schmelzen, hat man zu
Begin mehr Wasser für Wasserkraft, aber dann könnte es in vielen
Anlagen bald vorbei sein. Das muss bei der Planung berücksichtigt
werden.
Eine weitere Form von Solarenergie, die bei uns genutzt wird, ist Biomasse. Es
gibt ca. 30 biomasse-, sprich hackschnitzelbetriebene Fernheizanlagen. Paradebeispiel
ist das Pustertal, in dem von Bruneck bis Sexten, alle im Haupttal liegenden
Gemeinden durch Biomasse-Fernheizungen versorgt werden. Das ist eines der größten
zusammenhängenden Gebiete, die in Europa mit Biomasse beheizt werden, ein
absolutes Spitzenergebnis. Außerdem sollte man auch Pelletsöfen
nicht vergessen, die auch bei uns z.Z. einen Riesenerfolg verzeichnen und sich
sehr gut für den Austausch der etwa 16.000 Heizölkessel, die im Schnitt über
15 Jahre alt sind eignen.
Weiters haben wir in Südtirol eine beachtliche Nutzung der thermischen Solarenergie.
Im Schnitt haben wir 1/3 Quadratmeter Kollektorfläche pro Einwohner - und
rund 40% der insgesamt in Italien installierten Kollektoren -,das ist wieder
ein europäischer Spitzenwert, vergleichbar mit Griechenland und Österreich.
Photovoltaik ist noch nicht verbreitet und wird bei uns eher noch marginal genutzt,
weil es eine noch teure Technologie ist und, bis vor kurzen, auch von staatlicher
Seite noch wenig gefördert wurde. In Deutschland sieht das anders aus. Dort
kann man knapp 60 Cent pro ins Netz eingespeiste kWh über eine Laufzeit
von 20 Jahren rechnen. Das liegt auch daran, dass die Deutschen Photovoltaik
auch als einen wesentlichen Bestandteil ihrer Industriepolitik betrachten: sie
wollen in Zukunft eine weltweit führende Rolle in der Forschung und Herstellung
von PV-Anlagen einnehmen, so wie sie es z.T. auch mit anderen erneuerbaren Energiequellen
erreicht haben.
Was die Windkraft betrifft, gibt es bei uns unzureichende Bedingungen. Es gibt
nur wenige Flecken in Südtirol, in denen eine durchschnittliche Windgeschwindigkeit
von mindestens 5 m pro Sekunde zu verzeichnen ist und das ist die unterste Schwelle,
bei der man Windkraft wirtschaftlich sinnvoll nutzen kann.
Die wichtigste, nachhaltigste und billigste Energiequelle in Südtirol bleibt
jedenfalls die Energieeinsparung und die effiziente Energienutzung, und da stellt
das KlimaHaus Projekt einen wichtigen Schritt dar. Die beste Kilowattstunde ist
jene, die nie verbraucht wurde. Noch bezieht sich die Zertifizierung vorwiegend
auf den Neu-Bestand, aber demnächst wird sie sicherlich flächendeckend
auch den Altbau betreffen, und das wird eine Dynamik auslösen, die in den
nächsten Jahren zu beachtlichen Verbrauchssenkungen führen wird.
4.Wo liegen die größten Einsparpotentiale
im öffentlichen
und privaten Bereich?
Es gibt Untersuchungen, wie z.B. die der Stadt München,
die auch Mitglied des Klimabündnis ist – und somit die Verpflichtung
eingegangen ist, die CO2-Emissionen zu halbieren - , die besagen, dass
das allergrößten Energieeinsparpotentiale in der Sanierung
des Baubestandes liegen, und in München weniger in der Mobilität,
,weil die Stadt bereits über ein sehr gutes Mobilitätssystem
verfügt. In Südtirol ist es sicher anders. Bei uns schlummern
im Mobilitätsbereich noch große Einsparpotentiale. Eine energieeffiziente
Mobilitätspolitik wäre aber ein Kapitel für sich. Trotzden,
auch bei uns liegt ein enormes, noch nicht ausgeschöpftes Potential
in der energetischen Sanierung des Baubestandes.
5.Glauben Sie das Südtirol jemals
energetisch autark sein wird, also den gesamten Energiebedarf selbstständig
decken wird?
In Europa gibt
es Länder bei denen dieses Ziel explizit auf dem
Programm steht, wie z.B. Schweden und Island. Bei uns sind die Ziele
etwas bescheidener - zur Zeit decken wir mit erneuerbaren Energien immerhin
etwas über 40% des Energiebedarfs - eine energetische Autarkie ist
bei uns noch nicht explizit auf dem Programm.
Es ist anzunehmen, dass das Erdöl in einigen Generationen ausgehen
oder zumindest unerschwinglich teuer sein wird. Deshalb ist auch für
uns der Weg vorgezeichnet. Wir werden in das „zweite solare Zeitalter“ eintreten
müssen. Das erste solare Zeitalter geht von den Anfängen der
Menschengeschichte bis etwa 1850, also bis zur Erfindung und Verbreitung
der Dampfmaschine und die Nutzung der Kohle. Bis dahin hat die Menschheit
rein solar und regenerativ gelebt und dabei viele Hochkulturen hervorgebracht,
von den Ägyptern bis zur Renaissance. Das zweite solare Zeitalter,
das nach der Erschöpfung der fossilen Energiequellen folgen wird,
wird auch materiell eine reichhaltige Zivilisation ermöglichen:
wir haben ein Angebot von Solarenergie im Überfluss, wir verfügen über
Technologien, die es uns ermöglichen, die Sonne wesentlich besser
als im ersten solaren Zeitalter zu nützen, und wir verfügen über
raffinierte Einspartechnologien, siehe Klimahaus. Wie gesagt, Sonnenenergie
steht im Überfluss zur Verfügung, es geht lediglich darum,
sie sinnvoll und effizient zu nutzen. Bis jetzt haben wir aber nur erste
Schritte gemacht, nun muss es ein Marsch werden.
6. Viele beglückwünschen eine
lokale Verwaltung der in Südtirol
gelegenen Wasserkraftwerke. Was halten Sie davon und welche Vor- oder
Nachteile könnten dabei für die Bevölkerung entstehen?
Wasserkraft
ist heute eine sehr interessante Energiequelle. Man muss das im europäischen
Kontext sehen. In Deutschland spielt z.B. die Windenergie eine sehr beachtliche
Rolle, es gibt im ganzen Land Anlagen mit insgesamt installierten 16.000
MW. Dennoch hat Windkraft einen Haken und zwar, dass der Wind nicht immer
konstant bläst.. Deswegen kann
man mit Wasserkraftstrom sehr gut die „Täler“ bzw. die
Flauten in der Windproduktion ausgleichen. Insofern ist Wasserkraft sehr
interessant und als wichtige Ergänzung zur Windenergie zu betrachten.
Außerdem ist sie auch in Verbindung mit Kohlekraftwerken sehr wichtig,
um die Spitzenlasten abzudecken, weil man die Kohlekraftwerke, die eher
im Grundlastbereich operieren, nicht der Nachfrage sofort anpassen
kann. Man kann verstehen warum heute soviel Interesse hinter einer Übernahme
der Wasserkraftwerke steht.
7.Welche Vorteile würden sich für
die Bevölkerung
ergeben?
Naja,
man kann davon ausgehen, dass ein Übergang der Wasserkraftwerke
in die Hände der Landesverwaltung, wie in vielen anderen Fällen,
zu einem allgemeinen Vorteil der Bevölkerung führen würde.
Das Geld das in die Taschen der Landesverwaltung fließt, steht
dann einfach für mehr Dinge zur Verfügung. Ich kann diesen
Wunsch also begreifen, habe mir selbst aber noch wenig Gedanken über
die zukünftige Entwicklung dieses Vorhabens gemacht. Allerdings,
man hat einige hundert Millionen Euro in Anteile von Edison investiert.
Die Frage könnte lauten: was hätte man erreicht, wenn man dieses
Geld in Energieeffizienz investiert hätte. Diese Debatte hätte
man vielleicht führen sollen.
8. In letzter Zeit scheint das Thema
Atomenergie wieder aktuell zu sein. Sie haben diese Energieform in
diesem Gespräch überhaupt
nicht erwähnt. Was sagen Sie dazu?
Es ist sicher eine aktuelle Debatte im Gang und das Thema wurde hauptsächlich
durch den rapiden Anstieg der Erdölpreise wieder aktuell. Nur, heute
kann man darüber diskutieren solang man will, aber allein aus der
Sicht der Machbarkeit macht es einfach keinen Sinn. Heute deckt die Atomenergie
weltweit etwa 5 % des Energiebedarfs ab. Wenn Atomenergie einen substanziellen
Beitrag leisten sollte, sagen wir 50 % des Energiebedarfs, dann müsste
man die Anzahl der Atomkraftwerke weltweit verzehnfachen. Im Augenblick
laufen etwa 440 Atomkraftwerke, dann würden es über 4.000 werden
und ich frage mich wie das möglich ist, wenn man bedenkt, dass der
Bau eines einzelnen Atommeilers etwa zehn Jahre dauert. Wir könnten
frühestens im Jahre 2015 Anfangen daraus Strom zu gewinnen. Wenn
wir an jedem Werktag eine aufstellen würden, dann kämen wir
immerhin bis ins Jahr 2030. Das ist doch eine reine Illusion.
Durch die Liberalisierung des Energiemarktes werden heute die staatlichen Monopole
zunehmend privatisiert . Das bedeutet, dass man für den Bau von Atomkraftwerken
immer mehr auf privates Kapital angewiesen wäre. Und welcher Investor würde
die Risiken, auch die finanziellen, auf sich nehmen?
Das alles schließt nicht aus, dass marginal wird hier und da irgendwo ein
neues Atomkraftwerk entstehen wird, aber es wird nie so weit kommen, das die
Atomenergie einen wesentlichen Teil des Gesamtenergiebedarfs abdecken wird. Deshalb
sollten wir gleich auf die Energien der Zukunft setzen, und das ist die Sonne,
daran führt kein Weg vorbei. Wer zuerst startet, der kommt auch als Erster
an.