DIE KÜNSTE
Mit der Festigung von starken Nationalstaaten, bricht in Europa eine recht
ruhige Zeit an. Damit nehmen auch die Künste (Architektur, Bildhauerei,
Malerei, Musik, Kunst) ihre natürliche Entwicklung wieder auf. Uns
interessieren für den Moment nur die Probleme der Architektur. Traditionell
wird die Einführung der romanischen Architektur den „comancini“ zugeschrieben.
Diese waren Facharbeiter, die aus der Gegend des Como-Sees stammten und
schon im 8. Jahrhundert im Vinschgau tätig waren. Erstmals urkundlich
erwähnt wurden sie 643 im Edikt von Rotari. Die Arbeit dieser hochspezialisierten
Fachkräfte, Maurer, Steinmetze, Bauarbeiter, Bauschlosser, die unter
der Führung von kompetenten Bauherren standen, war bald in ganz Europa
gefragt. Später bezeichneten sich Fachkräfte die aus anderen
Gebieten kamen als „comancini“, die von den wahren „comancini“ in
ihre Technik eingeführt wurden. Der Erfolg der letzteren beruhte auf
ihre Fähigkeit die Baustellen effizient zu organisieren und durch
den Gebrauch von ausgefeiltem Werkzeug und die Anwendung von moderneren
Bautechniken, welche die Errichtung von stabilen und beständigen Gebäuden
ermöglichten. Sie versuchten die virtuvianische Triade „utilitas“, „firmitas“ und „venustas“ zu
erfüllen, nach der ein Gebäude „nützlich“, „stabil“ und „schön“ sein
musste. Marco VIRTUVIO Pollioe (1. Jhdt. v. Chr.) war unter Kaiser Augustus
Architekt gewesen und hatte ein Traktat verfasst („De Architettura“),
das vor allem unter den Gelehrten der Renaissance großes Ansehen
genoss. Als Folge ersetzten die „comancini“ die spröden
Holzdecken mit Mauergewölben, die, da sie wesentlich schwerer waren,
den Umbau vieler Strukturen nötig machten. Die Fenster wurden schmaler,
die Räume insgesamt kleiner; die Schnittpunkte der Kreuzgewölbe
wurden von Rippen gestützt, welche die Aufgabe hatten das Gewicht
von den Gewölben auf die so-genannten „Kämpfer“ zu
verlagern. Säulen wurden oft durch stabilere Pfeiler ersetzt.
Es gibt viele Zentren der romanischen Kunst, sie nahm aber in
jedem Land unterschiedliche Züge an. In der Norditalienischen
Architektur finden sich oft Einflüsse von jenseits der Alpen,
vor allem von Deutschland wieder, während in der mittel-
und süditalienischen Architektur dieser Zeit starke byzantinische
und arabisch-normannische Elemente zu erkennen sind.
Die Bildhauerei beschränkt sich in dieser Zeit zur Verschönerung
der Bauten beizutragen und nimmt so eine untergeordnete Stellung
ein. Meistens verschmelzen die Figur des Architekten und des
Bildhauers in einer einzigen Person, die beide Künste zu
vermischen weiss und so Effekte von hohem Niveau erzielt. Die
Plastiken inspirieren sich vor allem an der Tier- und Pflanzenwelt.
Es entstehen Kanzeln, Gesimse, Bogenrücken Rosetten, Portale
Loggien und feierliche Prozessionen von Figuren die, mit unerschöpflicher
Phantasie die wichtigsten Teile der Gebäude bedecken. Daraus
entstehen Helldunkeleffekte, die manchmal an die ästhetischen
Ideale des alten Roms erinnern, wo die Bauten reich mit Ornamenten
geschmückt wurden.
Die wenigen Beispiele von Holzschnitzerei, die bis zu uns gelangt
sind, sind sehr schön wenn auch sehr naiv. Die grob modellierten
Christus- und Madonnenstatuetten zeugen von einer aufrichtigen
Spiritualität, die in einer sehr religiösen, bäuerlichen
Kultur verankert war. Beispiele dieser Kunst finden sich in Privatsammlungen,
in Bergkirchen oder in den Museen von Innsbruck Bozen und Brixen.
In diesem Zusammenhang muss auf das außergewöhnliche
Kruzifix aufmerksam gemacht werden, welches sich in der Grieser
Pfarrkirche befindet. Dieses große aber gut proprtionierte
Kreuz wird auf das 12/13. Jahrhundert datiert. Es wurde aller
Wahrscheinlichkeit von einem ausländischen Künstler
angefertigt und zeugt von einer intensiven Spiritualität,
die aber bar jeder Dramatik ist. Es regt zum Beten und zur Meditation
an, wie es für zeitlose Werke üblich ist, die in eine
geheimnisvolle transzendentale Welt versunken scheinen.
In Marienberg entstand gegen Ende des 12. Jahrhunderts ein Zyklus
von Wandmalereien von spätbyzantinischem Einfluss. Im selben
Kontext sind 1180-90 die Fresken in der Kapelle von Schloss Eppan
entstanden. Das religiöse Gebäude war 1131, dem Jahr
in dem Ulrich von Eppan die Burg (Hocheppan) fertig stellen ließ,
geweiht worden. An der seitlichen Außenwand der Kapelle,
wo sich auch der Eingang befindet, ist der „Heilige Christoph
mit dem Kind“ dargestellt (Symbole der Gastfreundlichkeit
gegenüber den Wanderern), dessen Ausführung ebenfalls
auf das Jahr 1131 zurückgeht. Daneben finden wir eine Szene
mit dem „Heiligen Georg und dem Drachen“. Über
dem Eingang sieht man eine „Kreuzigung“ von intensivem
Pathos. Die die Malerei des Heiligen Georg ist zwei Jahrhunderte
später aus der Umänderung einer älteren Hischjagdszene
entstanden. Die Malereien an der Außenwand sind von keinem
besonderen Wert und weist grobe, volkstümliche Züge
auf. Die Fresken im Inneren gelten als die wichtigsten Romanischen
Malereien in Südtirol. Sie bedecken alle Wände und
erzählen Episoden aus dem Leben Jesu und der Apostel.
In der Apsis befindet sich der berühmte Zyklus der „Törichten
Jungfrauen“, der „Klugen Jungfrauen“. An die
Kuppel wurde eine „Madonna ihm Thron mit dem Kind“ zwischen
der Sonne, dem Mond und Engeln gemalt. An der Seite wurde die
Episode der „Begegnung zwischen Maria und Elisabeth“ ausgeführt;
entlang der linken Wand wird das „Leben Jesu“ erzählt,
die Malerei wird auf der gegenüber liegenden Seite fort
geführt. Diese Fresken wurden in verschiedenen Zeitabschnitten
von Künstlern unterschiedlicher Herkunft angefertigt. Nichtsdestotrotz
präsentiert sich das Gesamtbild als erstaunlich homogen,
sei es wegen der stilistischen als auch wegen der erzählerischen Übereinstimmung,
mit Berufungen auf die Salzburger Tradition und Ähnlichkeiten
mit den Fresken von Marienberg. Im Hauptzyklus, jenem der „Törichten
Jungfrauen“, erkennt man eine neue, gelassenere Auffassung
der Realität, die manchmal in der Greifbarkeit der profanen
Welt abdriftet. Der Künstler war darauf bedacht, die Figuren
der fünf Mädchen detailliert zu beschreiben, er hat
besonderen Wert auf die Wiedergabe der Kleider und der langen
Zöpfe, die von der Mode des ausgehenden 12. Jahrhunderts
vorgeschrieben war. Diese Komposition ist kein Zitat aus der
Bibel, sondern eher eine aufmerksame Beschreibung einer Szene
des höfischen Lebens, die er vielleicht von in Miniatur
gemalten Illustrationen eines antiken profanen Buches übernommen
hat. Der ausgeprägte Naturalismus zeugt von der Übergangszeit
zwischen der Sittenstrenge des Feudalismus und dem Anbruch einer
neuen Epoche. Dieser Umbruch ist recht gut dokumentiert und wir
wissen, dass er zwischen dem 12. und dem 13. Jahrhundert statt
gefunden hat. Er hat eine Wiederaufwertung der Frau zur Folge,
die im höfischen Umfeld als Ideal von Schönheit und
Höflichkeit besungen wird.
Die lang gezogenen Figuren der Mädchen und die farblichen
Kontraste lassen auf den selben Künstler schließen,
der gegen Ende des 12. Jahrhunderts das interessante „Göttliche
Gericht“ in Sommacampagna (Verona) angefertigt hat. Die
verwendeten ikonographischen Schemata haben ihren Ursprung jenseits
der Alpen (Burgenfeld) und sind mit byzantinischen Einflüssen
vermischt die aus Aquileia stammen.
Weitere byzantinische Einflüsse finden sich in der „Ankündigung“ und
in der „Begegnung von Maria und Elisabeth“ wieder,
während der Maler der ohne große Überzeugung
die Gruppe „Madonna mit dem Kind“ in der Apsis angefertigt
hat aller Wahrscheinlichkeit lombardischen Ursprungs war.
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