DER BOZNER DOM
Der ungewöhnliche Bau der Marienkirche, heute Pfarrkirche „Maria
Himmelfahrt“ ist in der Nähe des Flusses Eisack entstanden,
der einst für denkwürdige Überschwemmungen verantwortlich
war. An der Stelle des Domes stand in der Romanik ein „Domus“,
also ein Vereinshaus der Frühchristen, das zwischen dem
5. Und 6. Jahrhundert zu einer Basilika weichen musste.
Aufgrund der häufigen Invasionen der Barbaren musste sie verlassen
werden und erst in der Karolingischen Epoche wurde dort wieder
ein bescheidenes religiöses Gebäude errichtet. Mit dem
politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Aufschwung des 12. Jahrhunderts
reifte das Bedürfnis eines neuen Baues, welcher der tiefen
Hingabe der Gläubigen entsprechen sollte, aber auch ein Symbol
der wirtschaftlichen Macht des aufstrebenden Bürgertums. 1184
wurde der Bau der neuen Kirche in Angriff genommen. Die aus der
Lombardei stammenden Fachkräfte, die schon am Dom von Trient
gearbeitet hatten, errichten eine Basilika mit drei Apsiden, die
1222 fertig gestellt wird. Spuren jenes Bauwerks sind im heutigen
Dom an den ausgeschmiegten Rundbögen in der Vorhalle, am Südportal
und im Mauerwerk beim Presbyterium erkennbar.
Aber schon Anfang
des 14. Jahrhunderts bereute man den Bau, der als unpassend
und überholt empfunden wurde. Den „comancini“ werden
jetzt schwäbische Facharbeiter vorgezogen, die unter der Leitung
der Architekten MARTIN und PETER SCHICHE standen. Das Ergebnis
ist eine dreischiffige Kirche mit weitem Rundgang und Kreuzgewölben
die von Bögen und Pfeilern gestützt werden. 1382 mussten
die drei romanischen Apsiden der Erweiterung des Chorumgangs weichen.
Ein „Weintürchen“ wird eingeführt. Wie die
Motive in den Ausschmiegungen weist dieses Türchen auf das
besondere Privileg des Kapitols der Pfarrei von Bozen in der Woche
nach Pfingsten den Wein zu verkaufen, der an den eigenen Weinbergen
angebaut wurde. Die Figuren die im Zentrum der Lünette stellen
dar: von links eine Madonna mit dem Kind und einen Engel; rechts
eine Heilige und Jesus mit der Dornenkrone in separaten Nischen.
Es handelt sich um Arbeiten schwäbischer Schule, die den Skulpturen
in den Kragen des Umgang ähnlich sind. Hier finden wir verschiedene
Heiligenfiguren. Die Figur der Heiligen Barbara strahlt eine besondere
Anmut aus, die durch die sorgfältig wiedergegebenen Falten
des Kleides noch unterstrichen wird. Die selbe Heilige finden wir
in den Nischen an der nördlichen Außenwand wieder, wo
die weibliche Figur mit besonderer Frische behandelt wurde.
Dem Geschmack der Zeit folgend wurden die Wasserspeier, die
zum Ableiten des Regenwassers im Apsisraum dienten, mit viel
Phantasie
angefertigt. Es handelt sich um eine Reihe von Ungeheuern und
Dämonen
die klettern oder zum Flug ansetzten. Heiliges, Profanes und Dämonisches
treffen dreist aufeinander. Solche Wasserspeier sind aber keine
Seltenheit. Man findet sie z. B. im französischen Resaissance-Schloss
von Amboise.
Die schwäbischen Bauarbeiter hinterließen in den einzelnen
Steinen ihre Spuren, wie es damals üblich war. Jeder Block
Sandstein ist mit dem Symbol des Steinmetzes versehen (den Initialen,
ein Kreuz, usw.), um zu Verstehen zu geben, dass dies eine Gemeinschaftsarbeit
ist; jeder einzelne hat zur Entstehung beigetragen. Es war aber
auch eine Methode um die Arbeit der einzelnen Fachkräften
zu kontrollieren.
Die Lünette des so-genannten „Pfaffeneingangs“ ist
eine „Kreuzigung“ mit Maria, Johannes und zwei Paaren
von Auftraggebern bemalt. Auf beiden Seiten des Kreuzes sind die
Sonne und der Mond, als Synthese des gesamten Universums dargestellt.
Die Malerei gehört zur frühen Gotik des Bozner „trecento“.
Sie ist unter bestimmten Aspekten jener die wir in der Magdalenakirche
finden werden ähnlich.
Der Glockenturm wurde
kurz vor der Erweiterung der gotischen Kirche fertig gestellt
und weist ein besonders stabiles
Mauerwerk auf.
Die Mauern haben einen bemerkenswerten Durchmesser, besonders
im südlichen Teil, in Richtung des Eisacks. Die Erbauer haben
das Risiko der hin und wieder vorkommenden Überschwemmungen
und das damit ankommende Aufschüttungsmaterial bannen wollen.
1500 wurde BURARD ENGEBEGG aus Schnussenwied, der den Bau des Ulmer
Domes geleitet hatte nach Bozen gerufen. Im Dezember des selben
Jahres kam Meister Burard mit einem Holzmodell der Fiale des Glockenturms
an. Die architektonischen Merkmale dieses Baues waren jenen die
man in den Domen von Strassburg, Freiburg und Ulm wieder findet
sehr ähnlich. Das Werk entspricht den Erwartungen der Bürger
und wurde mit großen Enthusiasmus aufgenommen. Es scheint,
dass sich sogar Kaiser Maximilian begeistert gezeigt habe. Der
Meister, der den komplizierten Bau nicht selbst leiten konnte,
ließ seinen jungen Mitarbeiter HANS VON LUTZ nach Bozen kommen.
Von Lutz war in jenem Jahr am Bau der Pfarrkirche von Sterzing
beteiligt. Dieser ließ sich nicht zwei Mal bitten, ließ die
Bauarbeiten liegen und stürzte sich auf den prestigeträchtigeren
Auftrag. In Bozen war er vor allem mit der Festigung des Baumstumpfes
des nördlichen Glockenturms, während der Südturm
verlassen wurde. Dann begann er mit dem Entwurf für die Lanterne
bei dem er sich am Modell der Marienkirche beim Gestade in Wien
anlehnte. 1517 verließ er wegen Meinungsverschiedenheiten
mit dem Pfarrer den Rohbau, kehrte aber zwei Jahre später
wieder, um die Arbeit fertig zustellen. Mit dieser durchbrochenen
Fiale, kann die gotische Epoche in der lokalen Architektur als
beendet erklärt werden.
Das Innere der dreischiffigen
Kirche weist ein Kreuzgewölbe
und eine herrliche gotische Kanzel aus kompaktem Sandstein auf,
die von Hans von Lutz selbst gemeißelt wurde. Die vier Seiten
des Chorumgangs bestehen aus vier Paneelen mit Hochreliefs in denen
die Kirchenväter mit ihren Emblemen und lebhaft ausgeführten
gotischen Verzierungen dargestellt sind. Das erste Paneel zeigt
den Heiligen Augustinus beim Studium, mit seinem traditionellen
Attribut, ein Kind das versucht das Meer mit einem Löffel
trocken zu legen. In den anderen finden wir die Figur „Hierolamus
mit dem Löwen“, dem der Heilige eine Dorne entfernt
hat; es folgt die Figur „Gregor der Große“ neben
der sich der nackte Körper eines Römischen Kaisers befindet,
den der Heilige vor den Flammen gerettet hat; im vierten Paneel
sehen wir den „Heiligen Ambrosius“ und eine typische
Tiroler Wiege in der ein Kind liegt. Besonders schön sind
die Stützen, die aus einem gerippten Ständer und einer
Zahnleiste mit durchbrochener Brüstung bestehen. Geschmackvoll
ist auch die Basis der Stütze, mit Sternmotiven und kleinen
Eidechsen, die im strengen Halbschatten des ernsten Tempels zu
schnellen scheinen. Die Einfügung von Figürchen, wie
die kleinen Eidechsen kommt in der Malerei und Schnitzkunst jener
Zeit nicht selten vor. Als Symbol von Liebe, Treue und Wachsamkeit
finden wir dieses sympathische Reptil im wunderschönen „Porträt
des Edelmanns in dessen Studio“ das vom Venezianer Lorenzo
LOTTO (1480 – 1556) gemalt wurde wieder. Dieses Symbol wurde
schon in der Antike verwendet, wie die Eidechse auf einem Baumstamm
neben der berühmten „Apollo“-Darstellung, eine
römische Kopie einer verloren gegangenen Skulptur, die dem
Griechen Prasikteles zugeschrieben wird, bezeugt. Einst war die
Kanzel mit bunten Farben bemalt, die im Einklang mit den mit Fresken
bemalten Wänden des Doms waren. Bei genauerem Hinsehen kann
man Spuren von Gold, Ocker, Rosa und Grün erkennen, Farben
die mit der Zeit verschwunden sind.
Im rechten Seitenschiff – drittes Feld – sind verschiedene
Figuren, wie die „Heiligen Drei Könige“ (im unteren
Teil zerstört), ein „Heiliger Martin“, hinter
dessen Rücken sich eine betürmte Festung erhebt (Symbol
für Willensstärke und Treue) abgebildet. Das Kleid des
Heiligen Martin ist hellgrün und auch wenn sie ohne Plastizität
dargestellt sind, wird es durch weisse Sternchen belebt. Das elegant
eingerahmte Paneel, wird lokalen Künstlern des 15. Jahrhunderts
zugeschrieben. Im fünften Bogen finden wir, im unteren Register,
zwei Felder: im ersten sieht man einen städtischen Gebäudekomplex
mit Geschichten der Heiligen Dorothea (zusammen Krieger und - im
Vordergrund – einen kaum zu erkennenden Drachen). Im zweiten
Ausschnitt sind verschiedene Figuren dargestellt und in der Mitte
sitzt ein Mann auf einem gotischen Thron, der dreidimensional wirkt.
Im oberen Register befindet sich der „Tod eines hohen Prälaten“ zwischen
Kindern, Engeln und Kirchenvertretern, die man an ihrer großen
Hüte erkennt, die früher von den Priestern getragen wurden.
Daneben sind weitere sitzende Figuren dargestellt. Der Rest der
Komposition, der stark in Mitleidenschaft genommen wurde, wird
giottesken Malern von 1300/1400 zugeschrieben. Auch hier hat der
letzte Krieg starke Schäden angerichtet, ein Freskenzyklus
der von verschiedenen Künstlern in verschiedenen Stilen angefertigt
wurde, wurde zerstört. Interessant ist, dass jeder Bildabschnitt
eine eigene Episode erzählt die vom restlichen Komplex unabhängig
ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Malereien von einzelnen
Auftraggebern mit dem ex-voto System angeschafft wurden.
Die Vorhalle von 1498
die den Haupteingang der Kirche schmückt
ist ein Vermächtnis der späten Romanischen Architektur.
Sie wird zwei Löwen getragen, die durch die Abnutzung des
Steines fast gänzlich verschwunden sind (einer wurde ersetzt).
Links von der Vorhalle befindet sich eine Nische die von FRIEDRICH
PACHER ausgemalt worden sein soll („Madonna mit dem Kind“,
um 1475).
Im Verlauf des letzten
Krieges wurde das Hauptportal fast gänzlich
zerstört. Die Reste wurden in einer Wand eines Raumes des
Stadtmuseums wieder zusammen gestellt. Das Schnitzwerk ist von
besonderem Interesse, auch wenn es eine bestimmte plastische Ungeschliffenheit
aufweist. HANS HAIM hat es 1521 fertig gestellt. Das Portal ist
in seiner Abfolge noch gut zu erkennen und weist in den zwei oberen
Formellen eine „Ankündigung“ mit perspektivischen
Effekten die auf einer Reihe von Säulen und Bögen zurückzuführen
beruhen. In den unteren Formellen waren die Embleme der Stadt und
ein Sechszackiger Stern gehauen. In der dritten und vierten waren
die „Kirchenväter“ mit ihren Symbolen dargestellt. |